Deutschland wird spanischer. Ganz langsam.

Das Centro Español wird in diesem Jahr 50

Das Centro Español wird in diesem Jahr 50
Die Sonne scheint über Hiltrup und der Präsident ist etwas angeschlagen. Am Vorabend haben sie gefeiert, er ging zwar rechtzeitig, doch Luis Solano ist 64 und da kann man nicht mehr so feiern wie die Jungen. Und doch ist er pünktlich an diesem Tag, „pünktlich wie die Maurer!“, sagt er und ist dabei ein bisschen stolz. Jetzt sitzt er da, in seinem Büro direkt am Kanal in Hiltrup, und spricht über die Vergangenheit, und auch ein bisschen über die Zukunft. „Mein Frau will unbedingt nach Spanien umziehen, wenn wir in Rente sind“, sagt Solano. Er will das nicht. Er will in Deutschland bleiben, nicht zurück nach Murcia.
Solano kam mit 14 nach Deutschland, weil er musste. Herausgerissen habe man ihn, sagt er. Aus seiner Stadt, weg von seinen Freunden, heraus aus seinem Leben. Kein Wort deutsch sprach er. Das Wort „Kasseler“ war eines der ersten, das er lernte. Denn er musste beim Hiltruper Bäcker Brot kaufen. „Kasseler“ - ein Wort, das so klingt, wie man Deutschland von außen sieht. „Kasseler! Kasseler!!“ Hart und unerbittlich.
In seinem Leben habe es keine langen Hosen gegeben, bis er nach Hiltrup kam, sagt el Presidente. Es war kalt. Die Deutschen seien nett zu ihm gewesen, hätten ihn toll aufgenommen. Doch das war damals für ihn keine Qualität. Mit 18 haute er ab nach Spanien - um zu merken, dass ihm das Land fremd geworden war, „ich war dort plötzlich Ausländer“. Dann kam er zurück, nach Hiltrup. Und er blieb.
Seit 50 Jahren gibt es jetzt das Centro Espagnol in Münster. In diesem Jahr feiern sie groß. Das Centro liegt abseits vom hippen münsterschen Stadtkern. Niemand verläuft sich nach dort hinten, direkt am Hiltruper Kanal. Wer dort hingeht, will dorthin. Zu diesem Kotten im Schatten des mächtigen, grünen BASF-Gebäude. 500 Mitglieder hat der Verein. Spanier, Deutsche, andere Nationalitäten.

Das Centro Español wird in diesem Jahr 50

Die Spanier kamen einst, weil sie vor der Franco-Diktatur flüchteten. Weil Deutschland „Gast-Arbeiter“ brauchte. Viele hatten einen Arbeitsvertrag bei Ostermann & Scheiwe in der Tasche, viele kamen zu Glasurit, heute BASF. Und sie froren in Deutschland, und dachten: „Kasseler!“
Manuel Atencia Ramos und Christina Lindenbaum Fernandez sind die zweite Generation der Spanier in Münster. Die dritte Generation, Hanna Lindenbaum, ist auch dabei, will später mit aufs Foto. Luis, Manuela, Christina - sie alle lieben Deutschland und Spanien. Und wenn sie über die Vorzüge Deutschlands sprechen (Pünktlichkeit, Ruhe, Verlässlichkeit), und über die Vorzüge Spaniens (Herzlichkeit, Lebensfreude schon am Morgen, gutes Wetter) - dann merkt man schnell: Deutschland ist Kopf, Spanien ist Bauch. Deutschland ist Vernunft, Spanien ist corazón. Und sie alle schwanken hin und her zwischen Vernunft und Herz. Sind beides in einer Person, Spanier und Deutsche. Sie sprechen „allemagnol“, sagen sie, ein Mischung aus deutsch (alemán) und spanisch (espagnol). Sie leben in beiden Welten, und auch ein bisschen dazwischen. Sie sind Deutsche, irgendwie, und Spanier. Noch immer. Das ist wohl perfekte Integration, ohne die eigene Kultur zu verleugnen.
Dass Spanisch (nach Englisch) inzwischen die wichtigste Sprache an Deutschlands Schulen ist: „Das war lange überfällig“, sagt Christina, spanisch sei schließlich eine echte Weltsprache, im Gegensatz zu Französisch. Überhaupt: Deutschland wandele sich langsam, sagt Christina. Es sei weniger unterkühlt als früher. Sich begrüßen mit Umarmung und Küsschen, selbst unter Fremden? In Spanien schon immer üblich, in Deutschland inzwischen nicht mehr ganz unmöglich, in manchen Kreisen sogar schon Alltag, selbst unter Männern. Die Deutschen werden lockerer, ganz langsam. Es ist eine schleichende Hispanisierung - und sie alle finden es toll. Doch eines wird sich wohl nie ändern: „In Spanien arbeiten die Menschen, um zu leben. In Deutschland leben sie, um zu arbeiten“, sagt Manuela.
Doch eines, werden die Deutschen wohl nie lernen: Das Leben leicht zu nehmen. Kaffee, cuba libre, Kneipe - das gehört für jeden Spanier abends zum Leben. Man trifft sich in den Straßen, profitiert dabei vom warmen Wetter. „Das ist ein Muss für jeden Spanier“, sagt Solano. Sowenig Geld man auch hat - die Kneipe lässt sich niemand nehmen.
Er will das nicht mehr, er will in Deutschland bleiben, sagt Solano. Dem Worte wie „Pustekuchen“ und „tofte“ glatt über die Lippen gehen. Er hat sich mit „Kasseler!“ angefreundet, doch er pflegt seinen starken spanischen Akzent. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Und er müht sich nicht, das zu verbergen. Zum Glück.

Das Centro Español wird in diesem Jahr 50

Dass Spanisch (nach Englisch) inzwischen die wichtigste Sprache an Deutschlands Schulen ist: „Das war lange überfällig“, sagt Christina, spanisch sei schließlich eine echte Weltsprache, im Gegensatz zu Französisch. Überhaupt: Deutschland wandele sich langsam, sagt Christina. Es sei weniger unterkühlt als früher. Sich begrüßen mit Umarmung und Küsschen, selbst unter Fremden? In Spanien schon immer üblich, in Deutschland inzwischen nicht mehr ganz unmöglich, in manchen Kreisen sogar schon Alltag, selbst unter Männern. Die Deutschen werden lockerer, ganz langsam. Es ist eine schleichende Hispanisierung - und sie alle finden es toll. Doch eines wird sich wohl nie ändern: „In Spanien arbeiten die Menschen, um zu leben. In Deutschland leben sie, um zu arbeiten“, sagt Manuela.
Doch eines, werden die Deutschen wohl nie lernen: Das Leben leicht zu nehmen. Kaffee, cuba libre, Kneipe - das gehört für jeden Spanier abends zum Leben. Man trifft sich in den Straßen, profitiert dabei vom warmen Wetter. „Das ist ein Muss für jeden Spanier“, sagt Solano. Sowenig Geld man auch hat - die Kneipe lässt sich niemand nehmen.
Er will das nicht mehr, er will in Deutschland bleiben, sagt Solano. Dem Worte wie „Pustekuchen“ und „tofte“ glatt über die Lippen gehen. Er hat sich mit „Kasseler!“ angefreundet, doch er pflegt seinen starken spanischen Akzent. Zwei Seelen wohnen, ach, in seiner Brust. Und er müht sich nicht, das zu verbergen. Zum Glück.

Autor: Stefan Bergmann

Archivtexte Presseausweis

In dieser Woche:

Stefan Bergmann Stefan Bergmann

Weitere Beiträge 2017