Die Skulptur-Projekte, weltweit anerkannte Schau

Die Skulptur-Projekte, weltweit anerkannte Schau von Kunst im öffentlichen Raum, haben viele Dimensionen. Sie sind Kunst, natürlich, aber auch Spektakel. Sie werfen Fragen auf. Beispiel: Nam June Paiks silberne Oldtimer, die er 1997 vors Schloss stellte, gefüllt mit Elektroschrott, dazu erklang Mozarts Requiem. Die Botschaft kam so subtil daher wie ein Schlag mit dem Holzhammer: Technik-Kritik! Die Skulptur-Projekte 2017 beginnen in wenigen Wochen. Doch die Chance, wenigstens mit einem Kunstwerk aufzunehmen, was Europa bewegt, ist vertan. Das Werk scheiterte an, nun sagen wir: münsterschen Gegebenheiten. Santiago Sierra, Konzeptkünstler aus Mexiko, ficht nicht mit dem Florett. Seine Waffe ist der Säbel, wenn er Kunst macht gegen Unterdrückung, gegen Armut, gegen Gewalt. Um der „schleichenden Verharmlosung des Holocauts“ entgegenzuwirken, leitete er Autoabgase in eine ehemalige Synagoge in Pulheim. Besucher konnten einzeln und mit einer Gasmaske ins Innere, begleitet von einem Feuerwehrmann. Er brach das Projekt ab, als selbst der Zentralrat der Juden es „respektlos“ nannte. Münster und die Skulptur-Projekte hatten die Chance, ein gewaltiges Sierra-Werk zu bekommen. Er wollte einen 333 langen Grenzzaun aufstellen lassen - zieharmonikaartig verlegt von einem Lastwagen herab, wie es an der ungarischen Grenze gemacht wurde, um Flüchtlinge abzuhalten. Das verriet Skulptur-Kurator Kasper König dem Berliner „Tagesspiegel“. Soweit, so gut. Münster ist eine solidarische Stadt, hat ein soziales Gewissen. Dieses Projekt hätte ins Bild und in die Zeit gepasst und hätte dem Spaßfaktor, den die Skulptur-Projekte beispielsweise im Hafen zeitigen (Ayse Erkmens Gang über das Wasser), eine politische Botschaft hinzugefügt. Eine drängende zudem. Doch dann kommt Münster. Denn der Zaun sollte drei Monate vor dem Schloss stehen. Der Send würde gestört, das Pferde-„Turnier der Sieger“, die monatlichen Flohmärkte, die High-End-Schlemmerei von „Münster verwöhnt“. Sie alle hätten den Zaun dulden müssen, ihn integrieren müssen in ihr Konzept. Ein Symbol für das Leid der Menschen an Europas Außengrenzen direkt neben Fressbuden, Pferde-Hoppe-Reiter oder dem Disco-Express: Das geht zu weit. So genau will man es dann doch nicht wissen mit dem Leid der Flüchtlinge. Die Skulptur-Projekte mussten das Projekt wieder einpacken, Sierra absagen. Es wäre ein starkes Signal gewesen, hätten die Gäste bei „Münster verwöhnt“ gesehen, dass anderswo Menschen an Zäunen sterben. Es wäre spannend geworden, hätte Brüche provoziert. Doch das münstersche Wohlfühl-Gedusel obsiegte. Zum Schluss profitiert der Katholikentag im nächsten Jahr von der Absage. Sierra wird dann seinen Zaun aufstellen, sagt König. Fünf Tage im Mai. Stört dann auch nicht so sehr. Der Katholikentag steht auch unter diesem Motto: „Suche Frieden“. Passt alles. Santiago Sierra sollte absagen. Er wird in Ketten gelegt, instrumentalisiert, geopfert. Aber er wird seinen Fächer-Zaun wohl aufstellen im nächsten Jahr. Dann ist ja alles wieder gut. Die Kirche hat ein tolles Kunstwerk. Send, Turnier und Flohmarkt werden nicht gestört. Wo kämen wir denn da auch hin?

Autor: Stefan Bergmann

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