Man muss kein Grundstudium Psychologie

Man muss kein Grundstudium Psychologie absolviert haben, um das St.-Florians-Prinzip in einem Satz zu erklären: Wenn es schon Ungemach geben muss, dann bitte nicht bei mir. Das ist menschlich und verständlich. Wer will, dass die neue Straße direkt vor der eigenen Haustür liegt, wenn sie doch auch 100 Meter weiter weg sein könnte? Wer will eine staatliche Abschiebehörde in der eigenen Stadt haben, wenn sie doch auch ganz woanders liege könnte? Das St.-Florians-Prinzip ist mithin menschlich nachvollziehbar, doch meistens löst es die Probleme nicht durch strukturiertes Nachdenken, sondern durch schlichte Verweigerungshaltung.

Beispiel Hafencenter: Natürlich muss jeder einkaufen. Der Samstagnachmittag an der Friedrich-Ebert-Straße (Edeka-Center) zeigt das eindrucksvoll. Und natürlich kommen auch viele Bewohner aus dem Hansa-Viertel dorthin. Ist ja in der Nähe. Aber ein Einkaufszentrum vor der eigenen Tür? Nein, das wollen sie nicht. Obwohl ich hier zugegeben muss, dass ich noch nie ein so großes Innenstadt-Projekt erlebt habe, das so schludrig geplant wurde städtischerseits. Gerade wenn man weiß, dass es Widerstand - und gute Argumente - dagegen gibt: Müsste die Planung dann nicht wasserdicht sein? Alle Auswirkungen bedacht, alle Verkehrsströme gemessen, alle großen Bäume (die gefällt wurden) katalogisiert? Der Baustopp des Oberverwaltungsgerichtes war infolgedessen richtig - doch Münster muss aufpassen, dass es mit seiner nonchalanten Verweigerungshaltung gegenüber Investoren diese nicht vergrault. Es reicht nicht, sich im Bestand zu erfreuen. Münster ist seiner provinziellen Behäbigkeit sowieso schon streckenweise ein Stadt von gestern.

Beispiel 2: Das Windrad in der Haskenau. Es darf weitergebaut werden, trotz der Klage eines Anliegers. Der 700 Meter entfernt wohnt. Natürlich kann man dessen Argumente nachvollziehen. Wochentags arbeite ich in Ostfriesland, hier kennt man sich aus mit Windrädern. Sie sind lauter als man denkt, blinken nachts und wer ungünstig wohnt, kriegt die rotierenden Schatten ab. Aber: All das ist bei vernünftiger Planung zu umgehen. Und die geplante Anlage, E-141, ist eine der modernsten, die der ostfriesische Hersteller Enercon im Angebot hat. Er sichert tausende von Arbeitsplätzen in einer strukturschwachen Region, er erhält Deutschlands technologische Vorreiterstellung bei der Windenergie. So sehr die Argumente des Anlieger nachvollziehbar sind: Wir alle werden uns daran gewöhnen müssen, dass Energiewende, Atom-Ausstieg und bald auch Kohle-Ausstieg auch persönliche Konsequenzen haben können. Sei es, ein Hochspannungsmast vor der Tür oder auch ein Windrad. Das Gegenteil von St. Florian? Ich nehme es hin und versuche vorher, die negativen Folgen auf das unbedingt notwendigste zu beschränken. Denn wenn alle „Nein“ sagen, dann herrscht Stillstand.

Autor: Stefan Bergmann

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