Liebe Leserinnen und Leser,

wichtige politische Entscheidungen gibt es direkt und live über den Twitter-Kanal vom Chef. So ist das jetzt auch in Münster. So ließ Oberbürgermeister Lewe unlängst auf diesem Wege die Öffentlichkeit wissen: „Der Hafen steht für Vielfalt und kreative Nutzung. Er steht für ein Polizeipräsidium nicht zur Verfügung.“ Kurz und knackig via Twitter – so laufen Immobilienverhandlungen jetzt.

Parallel bringt der Oberbürgermeister in den Rat den Vorschlag ein, dass am Stadthafen für nicht ganz günstige 90 Millionen Euro ein viertes Stadthaus errichtet werden soll. (Sich selbst rechnet die Stadtverwaltung also zur Kategorie „Vielfalt und kreative Nutzung“, aber das nur am Rande). Während also die Verwaltung selbst gerne an den Hafen ziehen möchte, soll die Polizei das nicht dürfen. Was sind die Hintergründe?

Das aktuelle Polizeipräsidium am Friesenring entspricht schon länger nicht mehr den Anforderungen – noch dazu ist die Polizei auch auf andere Standorte verteilt (z.B. an der Moltkestraße). Deswegen hat die Polizei sich länger auf die Suche nach Alternativen gemacht. Die sollten zentrumsnah sein (damit man schnell den Weg zur Polizei findet – und umgekehrt), außerdem ist wegen der überörtlichen Aufgaben eine schnelle Anbindung an Umgehungsstraße und Autobahn nötig – was auch die Innenstadt und den Ring von etlichen Blaulichtfahrten entlasten würde. Allzu viele Standorte mit diesem Profil gibt es nicht, und die Suche dauert auch schon länger. Die Sache eilt auch deswegen, weil das Land das Geld für einen Neubau bereits bereitgestellt hat – fließt es nicht ab, war es das erstmal für die nächsten Jahre.

Die Stadt selbst könnte davon durchaus profitieren. Die Polizei würde mehrere Liegenschaften in direkter Innenstadtnähe freiziehen. Sowohl der Standort Friedenring gegenüber vom Kreuzviertel als auch die Moltkestraße sind natürlich auch Top-Standorte für neue Wohnungen, die die Stadt dann entwickeln könnte.

Der Vorschlag, dass das Polizeipräsidium an den Hafen zieht, ist doch wohl eine ernsthafte Diskussion wert, zumal die Stadtverwaltung selbst ja dasselbe für sich plant. Eine platte Absage über Twitter hat die Polizei nicht verdient. Und es bleibt zu vermuten, dass der Grund für das laute und schnelle Nein nicht fehlende „Vielfalt und kreative Nutzung“ ist, sondern klar formuliertes Investoreninteresse. Es ist klar, dass der Run auf die lukrativen Hafengrundstücke längst begonnen hat. Aber bevor wieder alles verteilt ist, ist eine Diskussion erlaubt, ob der künftige Hafen (es geht nicht um die Partymeile, sondern um die andere Seite) nicht auch die eine oder andere öffentliche Nutzung verdient hat. Bevor wieder x-beliebige Büros für Mondpreise entwickelt werden, könnte es ja auch mal um moderne Arbeitsplätze für die Polizei und um neue Wohngebiete in der Innenstadt gehen. Allerdings nicht bei Twitter.

Autor: Michael Jung

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