Von Stefan Bergmann

Jetzt hat die Corona-Diskussion

... auch das nadann-Team erreicht, habe ich im jüngsten Presseausweis gelesen. Wenn sich die Chef*innen selbst aufmachen zur Anti-Corona-Demo, um mal zu schauen, was da am Bach ist, dann will das schon was heißen. Ihr Fazit: Alles halb so wild.

Ich glaube, es tut Not, die Dinge jetzt mal zu sortieren. Ein Polizist aus Münster ist letzte Woche mit seinem Ausspruch "Ihr wollt uns doch verarschen!" viral gegangen und hat viel Beifall bekommen. Meinte er damit alle Demonstranten und auch das Ziel der Demo ("Keine Impfpflicht!") Nein, vermutlich nicht. Er sagte nur den Demonstranten, die ihm eine (verbotene) Demo als "Spaziergang" verkaufen wollten, die Meinung. Und sprach vielleicht den vielen Tausend Polizisten aus der Seele, die in der ganzen Republik in den vergangenen Wochen Leib, Leben und Gesundheit riskieren mussten, um eigentlich verbotene Demos zu begleiten.

Wenn die Initiative "Keinen Meter den Nazis" sagt, ", Antisemitismus und Wissenschaftsfeindlichkeit haben in Münster keinen Platz", dann klingt das im ersten Moment logisch. Doch wenn man es zu Ende denkt, dann muss man konstatieren: Das Recht auf freie Meinungsäußerung deckt auch das Recht von Schwurblern ab, öffentlich rumzuschwurbeln. Auch wenn sich die Mehrheit der Menschen über die dahinterliegenden Theorien kaputtlacht (oder ein kleinerer Teil der Menschen auf Intensivstation deswegen jämmerlich stirbt). Auch Wissenschaftsfeindlichkeit ist nicht unerhört. Wenn es das wäre, dann müsste allen "Therapeuten", die ihren Patienten Kugeln mit einem My an "Wirkstoff" in einem Meer an Zucker verschreiben, die Zulasssung entzogen werden. Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Studie, die den Kügelchen eine Wirkung attestiert, die über die Placebo-Wirkung hinausgeht. Und doch ist die Homöopathie ein großes Ding - auch und vor allem in Münster.

In Wirklichkeit geht es doch um was anderes: Corona-Leugner pochen auf Ihr Selbstbestimmungsrecht - und stellen dies über die demokratischen Regeln, die halt im Moment große Demos verbieten. Damit machen sie sich angreifbar. Damit ziehen sie den rechten Mob an, der immer gegen alles staatliche ist und gerne instrumentalisiert.

Dann lasst Euch doch einfach nicht impfen! Und tragt die Konsequenzen!

Und es geht darum, dass es für einigen einigermaßen logisch denken Menschen nicht nachvollziehbar ist, weshalb man ein Mittel gegen eine potenziell todbringende Krankheit hat - und es nicht nutzt. Bauchgefühl über wissenschaftliche Fakten stellt. Und das alles nur, weil eins am wichtigsten zu sein scheint: "Ich. Ich. Ich." - Stefan Bergmann

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Kurzer Reinruf vom Chef

Unser Montagsspaziergang führte uns gestern nach der Arbeit in die einzige noch offene Dorfkneipe 2.300 Kilometer vom Domplatz in Münster entfernt.

Hallo Stefan! Uli hatte mich seit dem Mittag gedrängt, Deinen Presseausweis nicht kommentarlos durch zuwinken, wie es meine Absicht war. Hier, am südlichsten Rand des Kontinents scheint die Sonne (oder wie im Bild der Vollmond) von einem wolkenlosen Himmel. Corona ist kein Thema, das mit derartiger Verbissenheit ausgetragen wird wie im deutschsprachigen Raum. Sicher hast Du gelesen, dass Pedro Sánchez, der spanische Premierminister, sein Land im Übergang von der pandemischen in eine endemische Phase sieht.

Es gibt unter den Nationalstaaten Unterschiede im Umgang mit der Pandemie. Die einen wie die anderen berufen sich in ihrer Strategie auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Pedro Sánchez, ein Wirtschaftswissenschaftler, nimmt die hohe spanische Impfquote als Basis, um der Omikron Variante eine höhere Verbreitung zu gestatten.

Das Ziel dieser Strategie ist es, eine breite, natürliche Immunität in der Bevölkerung durch mehrfachen Kontakt mit dem Virus zu erzielen, die über die Möglichkeiten von Impfungen hinaus geht. Auch Christian Drosten hat bereits im Herbst letzten Jahres im NDR Podcast darauf hingewiesen, dass die individuellen Immunsysteme im Laufe der kommenden Monate den Schutz gegen SARS-CoV-2 übernehmen müssen und übernehmen können.

Wissenschaftlich umstritten ist nicht, dass die Entwicklung so verlaufen wird sondern ab wann.

Spanien hat nun mit seinem staatlich organisierten Gesundheitssystem einen Vorteil im sicheren Wissen um den Impfstatus seiner Bürgerinnen und Bürger. Hier liefen auch die Impfungen anders ab. Der Termin kam per SMS. Geimpft wurde im Auto sitzend bei geöffnetem Fenster, mit anschließender kurzer Beobachtungsphase auf dem Parkplatz gegenüber.

In Deutschland baut man Impfzentren auf und ab und wieder auf, lässt Praxen, Betriebsärzte, Tierärzte, Apotheken und sonst wen impfen. Am Ende wissen die gründlichen Deutschen über ihre tatsächliche Impfquote nur unzureichend Bescheid.

Du und Dein von Dir zitierter münsteraner Partner in Sachen Propaganda, Ihr könntet mehr Leute für einen klugen, abwägenden Weg durch die Pandemie gewinnen, wenn Ihr den Blick über den Tellerrand wagen würdet, statt Münsteranerinnen und Münsteraner zu beschimpfen, die doch nachweislich eine sehr hohe Impfquote und die Beratung durch Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker unter einen Hut gebracht haben.

Entspann Dich bitte. - Arno

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