Von Arno Tilsner

Am Montagnachmittag, liebe Leserinnen...

als mir ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund entgegen kam, der sich in den Sackgassen des Gewerbegebietes verlaufen hatte. Ich fragte ihn “wohin des Weges“, er antwortete “zum Bus“.

Er hatte sich bei irgendeiner der umliegenden Firmen als Praktikant vorgestellt, suchte - wie viele Ortsunkundige vor ihm - den kürzesten Weg zur Bushaltestelle an der Handorfer Straße, der nicht über unser Grundstück führt. Ich erklärte ihm den Weg über diverse andere Grundstücke, sah seine Unsicherheit auf dem ihm gänzlich unbekannten Terrain und sagte dann “Steigen Sie ein, ich fahre sie hin

In den zwei Minuten unterwegs hatten wir einen kurzen Dialog. Er fragte mich: “Wie alt muss man sein, um dieses Auto zu fahren?“ “18“ antwortete ich. “Nächstes Jahr“ so sagte er, “kommt von Opel so ein Auto, das man schon mit 15 fahren darf, weil es nicht schneller als 45 ist“.

Ein 15 oder 16 Jähriger erzählt einem Fremden seinen aktuellen Lebenstraum, auf dessen Erfüllung er nicht bis 18 warten will. Busfahren ist es nicht. Den Traum kann er sich an der nächsten Haltestelle erfüllen. Er brennt dafür, vom Busfahren frei zu kommen. Ich denke an die RUMS Kolumne, in der ich gerade las, wie jemand wortreich die Vorteile des Busfahrens durch dekliniert hat, und ich denke an die vielen großen Busse, die ich abends mit Fahrer und 2 - 10 Passagieren ihre Tour abspulen sehe.

Freiheit – tatsächlich, für die hatte ich mit 14, 15, 16 gebrannt und seit dem einiges geschafft, nicht nur für mich, auch für die Gesellschaft.

Zwei Stunden später werde ich mich für diesen - auch in Zeiten der Pandemie - weiter vitalen Freiheitsinstinkt von kleinen Gruppen aufgeheizter Jugendlicher am Straßenrand anschreien lassen, bestenfalls als Dummkopf, der in 71 Jahren NICHTS kapiert hat. Dabei bin ich 2 mal geimpft und 1 mal geboostert. Geht's noch?

Freiheit war nach 1945 in drei Besatzungszonen die Belohnung auf dem Weg zu einer demokratischen Höchst-Leistungs-Gesellschaft, die erstaunliche Friedfertigkeit, Vielfalt und Gewinn für alle Beteiligten hervorgebracht hat. In einem anderen Teil Deutschlands wagte man das Experiment einer von Funktionären staatlich vorgezeichneten Wohlfahrt, der sich Individualität unterzuordnen hatte. Über 30 Jahre haben wir gerade an diesem Funktionärs-Murks abbezahlt. Karl Lauterbach steigt nun genau da ein, wo Funktionäre vor ihm gescheitert sind: endlich eigenmächtig verkürzt er den Genesenenstatus von 6 auf 3 Monate. Kein gutes Zeichen für die Freiheit, wie ich finde. - Arno Tilsner

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