Von Stefan Bergmann

Da hat der Doktor aus Bielefeld

(woher bitte? Bielefeld?) im letzten Presseausweis eine erstaunliche Volte vollführt

Er beschuldigt die Mitglieder von Jusos und Grünen, neue Nazis zu produzieren, indem sie Anti-Corona-Gänger als Nazis titulieren. Also samt und sonders. Seine Argumentation: Wenn ich Leute Nazis nenne, die eigentlich gar keine sind, sondern nur gegen das Impfen spazierengehen - dann könnte es doch sein, dass sie sich aufgrund einer enervierten Trotzreaktion mit den paar Nazis, die sich unter die Demos mischen, gemein machen - und plötzlich offen sind für Nazi-Thesen. Und, so sagt er weiter: Wenn man Menschen, die keine Nazis sind, Nazis nennt, verharmlost man die echten Nazis.

Steile Thesen, aber könnte da was dran sein?

Als ich den Text von Dr. Björn Goldenstein zum ersten Mal las, dachte ich mir: Was für eine akademisch-weltfremde Konstruktion. Doch nach und nach drehte sich meine Meinung.

Wahr ist: Jusos und Grüne sind schnell dabei mit dem "Nazi"-Argument. Es gehört sozusagen zur kleinen rot-grünen-linken Werkzeugkiste. Beide müssen sich fragen lassen, ob sie nicht allzu pauschal Menschen verunglimpfen, die zwar rumschwurbeln und ihr Bauchgefühl siegen lassen über alle wissenschaftliche Evidenz. Aber eben doch keine Nazis sind, keine Antisemiten oder Rassisten. Ja, oft genug holt die Linke die Nazi-Keule raus und drischt damit ein auf Menschen, die einfach nur ein bisschen komisch sind. Das führt nicht zum Ziel, erhöht nicht die Diskussionsbereitschaft und schon gar nicht die Einsicht.

Andererseits: Wer Menschen mit faschistoiden Ansichten bei sich duldet, muss sich schon fragen lassen: Wie sensibel seid Ihr eigentlich gegenüber Menschen, die noch immer "Ausländer raus!" schreien und die Juden für alles Übel der Welt, Deutschlands und natürlich des eigenen Privatlebens verantwortlich machen wollen? Offenbar scheint es inzwischen ok zu sein, mit ihnen gemeinsam zu protestieren. Gegen was auch immer. Und das ist die Crux: Wenn selbst in einer Bildungsbürgerstadt wie Münster rassistische Ansichten tolerabel sind, macht mir das Angst. Auch wenn sich das mit Umfragen in ganz Deutschland deckt, denen zu Folge 30 Prozent der Deutschen denken, dass "Juden zu viel Einfluss haben" (Quelle: NDR). 30 Prozent mögen keine Sinti und Roma, 50 Prozent fühlen sich manchmal fremd im eigenen Land, zitiert Dr. Goldstein.

Und spätestens da frage ich mich: Liebe Deutsche, welchen Minderwertigkeitskomplex habt Ihr eigentlich? Hört endlich auf zu jammern und sucht den Grund für Euer eigenes (angebliches) Elend nicht bei anderen. Angesichts dieser deutschen Depression bin froh um jeden, der hier anpackt und die Gesellschaft bunter und fröhlicher macht. Sei er Muslim:a, Jüdin, Däne, Syrer:erin - oder was auch immer! Selbst Bielefelder sind mir willk....ach lassen wir das!

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