Von Stefan Bergmann

Die Meldung ging irgendwie unter.

Die Stadt wird künftig fliegende Händler erlauben. Oder eher reisende. Vermutlich noch nicht mal das, denn die meisten Händler stehen mit einem - zwar fahrbaren - Stand unverpackt am selben Platz.

Was also ist daran so erstaunlich?

Einiges. Denn bisher galt: Münsters Innenstadt-Puppenstube ist heilig. In Ehrfurcht erstarrter Historismus. Nichts Hippes oder Ungeordnetes möge die Nostalgie stören. Schon gar keine Bratwurst-Hansel, rollende Döner oder Latte-macchiato-Stände auf Rädern. Die, die es gab, standen auf privaten Flächen.

Da gab es einmal einen Streit, weil jemand Wurst auf dem Prinzipalmarkt verkaufen wollte. Auf dem Prinzipalmarkt! Mon dieu! Wurde natürlich untersagt. Das könnte ja jeder kommen. Im heiligen Stübchen soll Ordnung herrschen.

„Aber Entschuldigung, da sind doch auch Blumenstände!“

„Ja, die haben eine Ausnahmegenehmigung wegen früher und so.“

„Aber der Prinzipalmarkt war doch früher auch ein Markt mit fahrenden Händlern!“

Und dann kam Corona und der ach so schön vom Busverkehr drangsalierte Prinzipalmarkt wandelte sich von der gute Verkehrs-Stube zum samstäglichen Bummel-Markt. Aus der Not geboren, zwar. Aber die Passanten atmeten auf (so gut es möglich war unter FFP2). Keine Busse, kein Gestank, kein Gehupe. Keine ständige Lebensgefahr.

Nun also die Kehrwende. Händler dürfen Anträge stellen und sich selbst ins Stadtbild. Aber, wir wären nicht in Münster, wenn es problemlos wäre. Denn vor der Genehmigung kommt die Geschmackspolizei. Der Stand möge originell sein, schön sein, toll sein, besser sein als anderswo, er möge Stil haben - eine Toilette müsse auch zur Verfügung stehen.

Wie soll das gehen? Müssen die Händler künftig ein Dixie-Klo auf Sackkarre herbeischaffen? Nein, das hätte wohl kein Stil. Und wie definiert man „schöner Stand“? Und zwar so genau, dass es auch gerichtsfest ist und der Stadt die Entscheidung nicht bei der ersten Konkurrentenklage um die Ohren fliegt. Nach dem Motto: „Definiere Schönheit!“

Wir sind gespannt. So löblich die Absicht ist, so schwierig wird die Umsetzung. - Stefan Bergmann

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