Von Stefan Bergmann

Ich war neulich im Ostbad.

Und habe viel über mich gelernt. Finden Sie etwas hochtrabend? Ok. Ich habe viel darüber gelernt, wie Journalisten denken und weshalb sie so heiß sind auf negative Nachrichten. Und da ich Journalist bin. Also.

Aber von Anfang an. Am Feiertag: komplett geschlossen. Wieso auch öffnen, wenn alle Zeit haben? Einen Tag später, die Dampfsauna: geschlossen. Na toll. Hatte mich drauf gefreut. Am Sole-Beckenrand: Schilder, die eine „Lebensgefahr“ beschwören, wenn man auf irgendetwas tritt. Und schon entspinnt sich die wunderbare negative Story bei mir Kopf. Da muss man mal richtig draufhauen. Das Ostbad, behördlich verwaltetes Trostlospflaster der über Jahrzehnte verkorksten Bäderpolitik der Stadt Münster. War ja alles so klar.

Und dann lernte ich: Die Sauna natürlich geschlossen wegen der Corona-Reste. Die Lebensgefahr besteht für Jungspunte, die nächtens den Zaun überklettern und auf der Bad-Abdeckung rumturnen. Und mit ihr im Zweifel untergehen. So erklärte es die - überaus freundliche - Bademeisterin.

Warum stehen wir so auf Negatives? Warum sind „only bad news good news“, wie es unter Journalisten heißt? Man kann es tagtäglich in den Gazetten dieser Welt beobachten. Wenn es knallt und pufft und Tote dabei sind oder Verletzte oder auch nur ein abgetretener Autospiegel in St. Mauritz (Oh Gott! Und das in unserem Viertel….!) - Journalisten machen es groß. Größer. Oftmals viel zu groß. Sie freuen sich über jeden Konflikt, jeden Ärger, den sie aufdecken können. „Negativismus“ herrscht in vielen Redaktionen vor. Oft maulen die Leser: „Wir wollen auch mal gute Nachrichten!“ Aber kommen sie, die guten Nachrichten, dann findet man sie langweilig, etepete, irrelevant. Auch Leser lieben Negatives.

Nun, woher kommt’s? Von den Bären.

Millionen Jahre lang war es für den Menschen und seine Vorfahren extrem wichtig zu wissen, ob sich ein Bär anschleicht. Schließlich könnte man als Mahlzeit enden. Deswegen konzentriert sich der Mensch auf die Gefahr, auf die Bedrohung, auf das Negative. Und das steckt noch immer in uns. Seit Jahrhunderten werden immer weniger Menschen von Bären gefressen, vor allem hier in Mitteleuropa. Aber was Millionen Jahre lang in den Menschen hineinevolutioniert wurde, kriegt man in ein paar Tausend Jahren nicht raus. Wir reagieren extrem aufmerksam auf Negatives. Und wenn es einen schon selbst nicht trifft, dann ist man froh, dass nur der Nachbar gefressen wurde. Also, bildlich gesprochen. Schadenfreude ist böse. Aber real.

Diese ganze Erkenntnis ist mir übrigens nicht selbst gekommen. Das hat Peter Witouch so gesagt, ein österreichischer Kommunikationswissenschaftler. Sage niemand, von den Ösis kommt nur Schlechtes.

Also, liebes Ostbad: Toll, dass es Dich gibt. Und Dein Personal war hammer-freundlich.

Lasst uns positiver denken! - Stefan Bergmann

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