Ruprecht Polenz

Ruprecht Polenz

Jedes Jahr wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) das "Wort des Jahres", das den öffentlichen Diskurs des Jahres wesentlich geprägt hat. Das Wort des Jahres 2015 ist "Flüchtlinge“.
Ein Jahr mit dieser Überschrift kann kein gutes Jahr gewesen sein. Nach Angaben der Vereinten Nationen ist die Zahl der Flüchtlinge nach dem Ende des 2. Weltkriegs erstmals auf über 60 Millionen Menschen angewachsen. Etwa eine Million von ihnen ist inzwischen in Deutschland angekommen, davon ca. 4.500 in Münster.
Die Flüchtlinge wollten sich in Sicherheit bringen und suchen Schutz bei uns. Es ist deshalb ein Skandal, dass es inzwischen über 222 schwere Anschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland gegeben hat, davon 93 Brandanschläge. Münster ist zum Glück von solchen Straftaten bisher verschont geblieben.
Das liegt sicher auch daran, dass sich die ganze Stadt engagiert, um zu helfen und mit dieser großen Herausforderung fertig zu werden. Der Oberbürgermeister, die Europa-, Bundes- und Landtagsabgeordneten, alle politischen Parteien (mit Ausnahme der AfD) sind sich darin einig. Viele hundert ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unterstützen die Wohlfahrtsverbände, Kirchengemeinden, privaten Initiativen und die Stadt bei dieser Aufgabe.
In einem solchen Klima der Anteilnahme und Hilfsbereitschaft finden dumpfe Ressentiments keinen Resonanzboden. Niemand kann davon ausgehen, dass Hetze oder Aggression gegen Flüchtlinge von irgend jemandem gebilligt würde. Der Münster-Konsens in Flüchtlingsfragen wirkt auch als Prävention gegen Gewalt.
Wird 2016 ein besseres Jahr werden? Werden die Wiener Gespräche 2016 dazu führen, dass in Syrien wenigstens die Waffen schweigen? Wird es gelingen, den Terror von Daesh wirksam zu bekämpfen? Wird das Abkommen von Minsk umgesetzt und die russische Aggression gegen die Ukraine beendet? - Die Liste der Fragen, von denen der "Frieden auf der Welt" abhängt, ließe sich lange fortsetzen: Libyen, Mali, Afghanistan, Myanmar, Somalia …
Zwar liegt die Lösung der großen Friedensfragen außerhalb unserer unmittelbaren persönlichen Reichweite. Aber wir können dem Hass dort entgegentreten, wo er uns begegnet: in den sozialen Netzwerken oder sonst im Alltag. In diesem Sinn wünsche ich uns allen ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedvolles Jahr 2016.

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