In dieser Woche vor 91 Jahren...

...explodierte der Chemiesaal.

Um neun Uhr morgens meldete Unirektor Gerhard unter Schock dem Regierungspräsidenten, dass sich mitten in der Vorlesung des Geheimrates Prof. Schenck im überfüllten Hörsaal des Chemischen Institutes ein fürchterliches Unglück ereignet habe!

Um zu beweisen, dass die Flammenhitze von brennendem Tetranitromethan sogar Platin schmelzt, hatte der Prof. ein paar Tropfen Tuloul hinzugefügt und damit getränkte Watte in einem Stahlzylinder entzündet. Die ersten drei Minuten verlief das Experiment wie immer in allen Jahren zuvor normal. Dann explodierte die Mixtur!

Im Hörsaal mit 160 Plätzen drängten sich fast 300 Studenten dicht um das Versuchspult, was die Wirkung der Explosion katastrophal verstärkte.

Sechs Studenten waren sofort tot, vier weitere verstarben nach Tagen an ihren schweren Verletzungen; zwanzig wurden teils schwer verwundet. Der Polizeibericht beschreibt: »Das Stahlrohr wurde zerrissen, die Splitter umhergeschleudert. Außerdem wurden die Flaschen und Glaskolben auf dem Tisch mit großer Gewalt verstreut. Der Unfall lässt sich am besten mit einer Geschützdetonation bei einem Minenwerfer vergleichen.«

Besonders bitter: Die getöteten Studenten waren erst zwei Jahre zuvor als Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg heimgekommen und samt ihren Familien froh gewesen, alle Granatsplitter und Minenexplosionen heil überlebt zu haben.

Bei der Untersuchung der Katastrophe fiel der Verdacht auf den Prof., die Mengen der Chemikalien falsch bemessen zu haben. Es stellte sich heraus, dass beim Abschreiben der Versuchsanleitung Gramm und Kubikzentimeter verwechselt wurden. Das führte jedoch nicht zur Explosion. Die tatsächliche Ursache konnte nie ermittelt werden.

Im Hörsaal mit 160 Plätzen drängten sich fast 300 Studenten dicht um das Versuchspult, was die Wirkung der Explosion katastrophal verstärkte.

Autor: Carsten Krystofiak

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