In dieser Woche vor 40 Jahren...

...gab Münsters letzte Appeltiewe auf.

Dine Osthoff war ein lebendes Relikt. Ihr Obststand vor dem Rathaus war die letzte Erinnerung daran, dass Münsters Wochenmarkt früher auf dem Prinzipalmarkt stattfand. Sie war die letzte »Appeltiewe«.
Diese Obstverkäuferinnen waren nicht nur für ihre Früchte bekannt, sondern vor allem wegen ihrer großen Klappe. Eine »Tiewe« ist nämlich eine kläffende, bissige Hündin.

Ich helf‘ Dir gleich, meine Trauben sind nich‘ frisch! Pass bloß auf, Du!« Das ist wahre Kundenkommunikation statt stupidem Service-Grinsen.

Unter ihnen war Dine ein besonderes Original. Daran kam auch der Oberbürgermeister nicht vorbei: Wenn er morgens ins Rathaus wollte, musste er sich erstmal anhören »Junge, so kannste da doch nich’ rein!« und sich von Mutti Osthoff Kragen und Krawatte zurechtzupfen lassen. Kunden, die etwas an ihrem Obst zu mäkeln hatten, konnten mit ihrem imposanten Kampfgewicht Bekanntschaft machen: Sie wog 120 Kilo – bei einer Größe von 153 Zentimetern.
Mit der Zeit gehörte Dine Osthoff einfach zum Rathaus-Inventar und ließ es sich nicht nehmen, offizielle Gäste persönlich zu begrüßen: Theodor Heuss, Albert Schweitzer, Hans Albers...

Krönung ihrer über 20jährigen Präsenz ihrer Prinzipalmarktbühne sollte ihre Begegnung mit Königin Juliana der Niederlande werden, die am 29. Oktober 1971 Münster besuchte. Dine hatte sich schon in Pose geworfen, als sich Schaulustige und Sicherheitsbeamte zwischen sie und die Hoheit drängten. Am Tag nach dieser schweren Enttäuschung räumte sie ihren Stand vor dem Rathaus für immer.

Dem Prinzipalmarkt fehlt ohne bissige Appeltiewen, bei denen der Kunde noch Untertan ist, eine authentische Attraktion.

»Ich helf‘ Dir gleich, meine Trauben sind nich‘ frisch! Pass bloß auf, Du!«
Das ist wahre Kundenkommunikation statt stupidem Service-Grinsen.

Autor: Carsten Krystofiak

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