In dieser Woche vor 65 Jahren...

magerte Münster ab.

1947. Krieg und NS-Regime waren vorbei und damit die akute Lebensgefahr überstanden. Doch die Versorgungslage war kaum weniger bedrohlich. Abgesehen von Wohnungen, Energie und Infrastruktur fehlte es vor allem an Essen. 19.400 Portionen kochte Münsters Stadtküche täglich. Nicht viel bei neunzigtausend Einwohnern. 1.000 Kalorien standen pro Person zur Verfügung. Nach der Ernte 50 % mehr. Zuwenig zum Sattwerden, zuviel zum Verhungern.

Doch dann geriet die Lebensmittelversorgung auch noch in eine ernste Krise. In der letzten Aprilwoche erreichte sie ihren Tiefpunkt. Für jeden Münsteraner gab es nur noch 672 Kalorien, weniger als ein Drittel der vom Völkerbund als überlebensnotwendig erklärten Menge. In Naturalien hieß das: 1.500 Gramm Brot aus Futtermais ohne Mehl, 250 Gramm Fisch, 225 Gramm Marmelade, 100 Gramm Fleisch, 15 (!) Gramm Käse - das war’s für eine ganze Woche! Gemüse, Kartoffeln und Milch fehlten ganz.

Es waren viele Kalorien nötig, um die Hungerjahre zu vergessen. Das Wort Diät wurde erst Ende der 1950er bekannt.

Die Tuberkulosefälle stiegen rapide an: Über 2.000 Münsteraner erkrankten. Bluthochdruck war dagegen unbekannt.
Das Besorgen von Zusatzkalorien war der wichtigste Tagesinhalt. Alles was Beine hatte, machte sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad auf ins Umland, um bei Bauern Wertsachen gegen Eier, Speck oder Kartoffeln zu tauschen. Nicht immer erfolgreich und zudem illegal. Die Lage besserte sich erst im Jahr darauf.

Vor diesem Hintergrund ist die maßlose »Fresswelle« der 1950er Jahre verständlich, als die Qualität des Essens nach der Größe der Portion beurteilt wurde.

Es waren viele Kalorien nötig, um die Hungerjahre zu vergessen. Das Wort Diät wurde erst Ende der 1950er bekannt.

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Autor: Carsten Krystofiak

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