In dieser Woche vor 119 Jahren...

brach der Amelsbürener Bänkestreit aus.

Beim Erweiterungsumbau der Amelsbürener Kirche kam die Frage auf, ob mit den neuen Bänken die althergebrachte Sitzordnung erloschen sei. Schließlich hatten etliche alteingesessene Familien seit Generationen ihre Stammplätze.

Der Pfarrer mischte die Karten neu und entwarf eine neue Sitzverteilung, die vom Generalvikariat genehmigt wurde. Nur – der Kirchenvorstand erkannte sie nicht an. Im Gegenteil! Die Gemeindemitglieder warfen dem Pfarrer vor, manche Familien skandalös bevorzugt zu haben.

Hier sitzen Sie in der ersten Reihe: Beim Kampf um die besten Plätze flogen in Amelsbüren die Fäustefür ein Hallelujah.

Der Kirchenvorstand bestand auf freie Platzwahl und erklärte die Sitzordnung des Pfarrers für ungültig. Dieser Beschluss wurde auf Plakate gedruckt und an die Kirchentür genagelt. Dort riss sie der Dorfpolizist aber immer wieder ab. Eines Abends hinderte ihn jedoch eine aufgebrachte Menge mit Gewalt daran. Es kam zu einem Tumult: Bis tief in die Nacht wurden Protestlieder gesungen, Parolen skandiert und Böller abgeschossen. Dem Pfarrer schlug die wütende Menge 14 Fensterscheiben ein.

Das hatte Folgen: Amelsbüren wurde von auswärtigen Polizisten besetzt, die Polizeistunde vorverlegt und ein Strafverfahren eingeleitet. Die Staatsanwaltschaft konnte jedoch keine Täter ermitteln: Niemand war zu einer Aussage bereit – Amelsbüren schwieg wie ein Grab.
Schließlich musste das Verfahren eingestellt werden. Die Platzvergabe in der Kirche war zwar weiterhin nicht frei, aber plötzlich vertrugen sich die Amelsbürener bei der Platzwahl, wie ein damaliger Chronist kopfschüttelnd bemerkte...

Hier sitzen Sie in der ersten Reihe: Beim Kampf um die besten Plätze flogen in Amelsbüren die Fäustefür ein Hallelujah.

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Autor: Carsten Krystofiak

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