In dieser Woche vor 34 Jahren...

wurde Bolle zum falschen Held.

Die innerdeutsche Grenze war ein Todesstreifen. 1971 setzte das DDR-Regime »Selbstschussanlagen« gegen Fluchtversuche ein. Rund 60.000 Splitterminen wurden entlang der 1.400 Kilometer Grenze installiert.

Offiziell stritt die DDR-Führung die Existenz der Splitterminen dreist ab. Doch der Berliner Michael Gartenschläger baute ein Exemplar ab und übergab des dem SPIEGEL, der darüber berichtete.

»Für Schüler gratis, für Bonzen 1 DM«! Krawall-Propaganda vom NPD-Nachwuchs vor Münsters Schulen.

Das Beispiel fand Nachahmer: Der münsteraner Jurastudent Michael Bolle von der Tibusstraße fuhr mit zwei Kommilitonen an die »Zonengrenze«. Es gelang dem Trio, einen Tötungsautomaten abzuschrauben. Sie sollte der Europäischen Kommission für Menschenrechte als Beweisstück für ein Verfahren gegen die DDR dienen.

Das ZDF sendete einen 15-minütigen Bericht über die spektakuläre Aktion. In den Westfälischen Nachrichten wurden die Aktivisten ausgiebig gefeiert. Dann die dumme Überraschung: Michael Bolle hatte nicht nur humanitäre Motive. Er war Kreisvorsitzender der NPD-Jugendorganisation JN und im Bundesvorstand der NPD. Eine peinliche Blamage für die WN.

Dabei war Bolle in Münster keineswegs unbekannt: Die JN verteilte bis Anfang der 1980er Jahre regelmäßig vor den Schulen der Stadt ihre Zeitschrift »Der Pfeil«. Die dilettantische Schülerzeitung war aggressiv antikapitalistisch, vehement gegen Atomkraft und huldigte beschönigender NS-Nostalgie. Bolle verließ Münster nach seinem Referendariat.

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Autor: Carsten Krystofiak

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