In dieser Woche vor 23 Jahren...

Karl Eduard von Schnitzler war Chef-Propagandist der DDR und das meistgehasste Gesicht im DDR-Fernsehen. Über ihn kursierte der Witz, er hieße Karl Eduard von Schni, weil die DDR-Bürger so schnell wegschalteten, wenn er auf dem Bildschirm auftauchte, dass sie nie seinen vollständigen Namen mitkriegten.

Eintrittskarte zu einem fragwürdigen Vortrag mit Original-Autogramm von „Sudel-Ede“.

Nach dem Mauerfall war Schnitzler arbeitslos und hielt sich mit Auftritten in Talkshows über Wasser, wo er Oppositionelle, die in Stasi-Haft gesessen hatten, beschimpfte. Dann schrieb er eine Biographie, in der er weinerlich die Undankbarkeit der Bürger beklagt, kein bißchen Einsicht zeigt und sich den Sozialismus schönlügt. Der AStA der Uni Münster hielt es für richtig, Schnitzler zu einer Lesung aus seinem Pamphlet einzuladen.

Die Veranstaltung fand in der UB vor nur rund zwanzig Zuhörern statt. Der adelige Polit-Bonze von Schnitzler gefiel sich in proletarischer Pose und trank auf dem Podium Bier aus der Flasche. Auch hier keine Spur von Selbstkritik: Einwürfe eines Studenten aus der ehemaligen DDR wischte er mit Phrasen & Polemik beiseite, so wie er es 40 Jahre in seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ getan hatte. Über das Ausmaß der Stasi-Spitzelaktivitäten an der Uni Münster war damals noch nichts Näheres bekannt.

Schnitzler war hochbeglückt, von den Veranstaltern hofiert, und sogar um Autogramme gebeten zu werden. Er starb 2001.

Eintrittskarte zu einem fragwürdigen Vortrag mit Original-Autogramm von „Sudel-Ede“.

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Autor: Carsten Krystofiak

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