In dieser Woche vor 81 Jahren... flog Bockelson aus den Schaufenstern.

Friedrich Reck wurde auf einem ostpreußischem Rittergut geboren. Er studierte Medizin und wurde Arzt, wäre aber viel lieber ein bekannter Schriftsteller gewesen. Da sein Lebensstil als Original der Münchner Boheme viel Geld kostete, war er allerdings gezwungen, sich finanziell mit Trivialliteratur und Artikeln über Wasser zu halten, statt epische Werke verfassen zu können.

Münsters Wiedertäufer-Geschichte als Parabel für wahnhafte Massendynamik und totalitäre Wirkung...

Als konservativer Katholik waren die Nationalsozialisten für ihn „böse Affen“. Um das NS-Regime kritisieren zu können, wählte er eine verdeckte Form: Er veröffentlichte einen historischen Roman über das Wiedertäuferreich zu Münster. Das Buch „Bockelson – Geschichte eines Massenwahns“ enthält zwischen den Zeilen deutliche Anspielungen auf Hitlers Nationalsozialismus, Die Leser verstanden.

Die Machthaber brauchten länger, bis ihnen Recks wahre Intention dämmerte. Erst ein Jahr nach Erscheinen wurde das Werk aus den Schaufenstern und Regalen der Buchläden entfernt. Für ein offizielles Verbot war die Regimekritik aber zu clever chiffriert. So kam Reck zwar ins KZ Dachau, wurde aber von der ratlosen Gestapo wieder entlassen, weil ihm keine Verfehlung nachzuweisen war.

Erst aufgrund erneuter Denunziation wurde er wieder verhaftet und noch kurz vor Kriegsende hingerichtet. Sein Wiedertäufer-Roman wurde mehrfach wieder aufgelegt und übersetzt. Er ist bis heute eine scharfe Analyse von Massenpsychosen.

Autor: Carsten Krystofiak

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