In dieser Woche vor 95 Jahren... wollte Mann die Promenade retten.

Die Deutschen haben ein quasireligiöses Verhältnis zu Bäumen. Für die Münsteraner und ihre Promenade trifft das ganz besonders zu. Immer wenn der viel besungene „Lindenkranz“ um die Altstadt von der Axt bedroht ist, werden selbst die braven Münsteraner militant. So zuletzt in den den 80er und 90er Jahren, als einige kranke Bäume gefällt wurden.

Das war auch schon 1923 so: Als ein paar morsche Linden zur Sicherheit der Bürger entfernt werden sollten, verbreitete sich die Fake-News, die Stadt wolle die gesamte Promenade ratzekahl abholzen, um durch den Verkauf der Stämme die klamme Stadtkasse aufzubessern. Die Not war im Jahr der Hyperinflation so groß, dass viele die Nachricht glaubten und Sturm liefen.

Zum Glück sieht die Promenade heute noch aus, wie zu Thomas Manns Zeiten.

Als prominenter Beistand für die Rettung der vermeintlich bedrohten Linden, schaltete sich der Buddenbrooks-Autor Thomas Mann ein, der damals zu vielen politischen Themen Stellung nahm. In einem Leserbrief an den Münsterschen Anzeiger schrieb er: „So oft ich Münster besuchte, was freilich nur im Winter geschah, habe ich diese Baumgänge bewundert und mir ausgemalt, wie prächtig ein sommerliches Lustwandeln unter ihrem Laubgewölbe sein muss...“. Der Star-Autor fordert, „die noblen alten Burschen ... zur Freude Münsters und seiner Gäste fortgrünen zu lassen!“
Zum Glück war sein Engagement nicht mehr nötig. Mann hatte nämlich auch wenig Zeit - er musste seinen Roman „Der Zauberberg“ fertigstellen, der im folgenden Jahr erschien.

Autor: Carsten Krystofiak

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