Von Carsten Krystofiak

In dieser Woche vor 103 Jahren…

…klapperten Türen und Fenster.

Nicht ohne meine Klavierleuchter!

Mitte des Jahres 1918 wurde im ganzen Reich noch einmal zu Metallspenden aufgerufen, um den Ersten Weltkrieg doch noch zu gewinnen. Da nach den vielen Spendenaktionen kaum noch jemand nennenswerte Kapazitäten besaß, waren jetzt auch Kleinstmengen willkommen: Klingelschilder, Briefkastenklappen, Duschköpfe, Fenstergriffe, Teppichspanner-Stangen aus den Treppenhäusern – einfach alles. Doch die Münsteraner waren spendenmüde und glaubten auch nicht mehr daran, dass der Krieg mit Türklinken gewonnen werden könnte. Darum drohten die Behörden mit Beschlagnahmung. Darauf wurden in etlichen großbürgerlichen Wohnungen die Klavierleuchter vom Piano abgeschraubt, gut verpackt und versteckt – obwohl es für Beschlagnahmungen gar kein Personal gegeben hätte.

Schließlich kam doch noch etwas zusammen. Wer Tür- und Fenstergriffe aus Metall spendete, hatte Anspruch auf Ersatz aus Holz. Da die Behörden aber kein Geld mehr hatten, bekamen die Spender zunächst Quittungen für einen Verrechnungsbetrag. Dann endete der Krieg – aber nicht die Metallsammelaktion! Mitte Dezember konnten die Bezugsstellen endlich die Pauschalen für die Ersatzanschaffungen auszahlen – die Spender erhielten nun wertlos gewordenes Papiergeld und konnten sehen, wo sie neue Türklinken herbekamen.

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