Von Carsten Krystofiak

In dieser Woche vor einem Jahr...

Im Februar gründeten mehrere hundert in- und ausländische Hochschullehrer ein Netzwerk für „Wissenschaftsfreiheit“ und veröffentlichten ein Manifest. Darin heißt es: „Wir beobachten, dass die verfassungsrechtlich verbürgte Freiheit von Forschung und Lehre zunehmend unter moralischen und politischen Vorbehalt gestellt werden soll … Einzelne beanspruchen vor dem Hintergrund ihrer Weltanschauung und ihrer politischen Ziele, festlegen zu können, welche Fragestellungen, Themen und Argumente verwerflich sind.“ Unter den über 650 Unterzeichnern sind auch rund zehn Profs der Uni Münster.

Vorangegangen war ein Streit um den irischen Professor Paul Cullen an der Uni Münster. Der AStA warf dem Abtreibungsgegner „antifeministische, antiemanzipatorische, antisemitische und fundamentalistische Äußerungen“ vor und forderte den Entzug seines Lehrstuhls. Nun sind die Vorträge des streng konservativen Cullen sicher schrill und schwer verdaulich, aber strafrechtlich nicht relevant. Über die Fragwürdigkeit seiner Thesen ließen sich hervorragend glänzende Debatten führen. Aber das war nicht im Sinne der Stummschaltungs-Kampagne.

Hilfe, der Prof. hat schräge Ansichten!

Das Phänomen, provokante Meinungen nicht aushalten zu können und durch Niederbrüllen etc. aus dem Diskurs ausschließen zu wollen, nennt sich „Cancel Culture“. Manche Psychologen sehen die aggressive Cancel Culture übrigens im Zusammenhang mit dem Erziehungstrend, Kinder grundsätzlich positiv zu bestätigen und von allen irritierenden Eindrücken fernzuhalten.

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