Page 29 - pixelbook KW 18/2025
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bestellte und abholte, wo Schwarze keinen Zutritt hatten – sind einfühlsam und zeugen von einem ausgeprägten Bewusstsein für die grundlegende Unmenschlichkeit, die hier im Spiel ist. Doch die- se Passagen werfen auch die Frage auf, welchen Preis derjenige zahlt, der die Rolle des „weißen Retters“ spielen soll. Schwarze Jazzmusiker wur- den gewissermaßen von weißen Musikern wie Pepper abhängig, um mit den alltäglichen Mecha- nismen des Lebens auf Tour in einem rassistischen LandwieAmerikaklarzukommen.Manmusskein Genie sein, um zu erkennen, wie dies den Grund- stein für die von Wut, Groll und Hass geprägten BeziehungenzwischendenBandmitgliedernlegte. Diese Emotionen wurden in den 1949er und 50er Jahren verdrängt, doch in den 1960er Jahren tra- ten die rassistischen Dynamiken des Jazz, wie in der gesamten amerikanischen Gesellschaft, an die Oberfläche. Drogen und Alkohol wurden Pep- pers Bewältigungsmechanismus und zerstörten ihn beinahe, bis er im Synanon landete, einer um- strittenen Reha-Klinik in Santa Monica. Dort traf er Laurie, seine zukünftige Frau und Memoiren- schreiberin, und begann, eine gesunde Perspek- tive auf sein Leben zu entwickeln. Am Ende nennt Pepper als seine größte Gabe nicht die Tatsache, dass er einer der besten Altsaxophonisten aller Zeiten war; er nennt seine Fähigkeit, all das zu er- tragen, was er durchgemacht hat, was ihm schließ- lich ermöglichte, durch seine Kunst seine Mensch- lichkeit zu entdecken. Art Pepper war ein großar- tiger Musiker, der einen hohen Preis für seine Kunst bezahlte. Mit „Straight Life“ erreichte er etwas, was nur wenige Musiker für sich beanspruchen können: literarische Unsterblichkeit unter den Autoren. Mein Exemplar dieses Buches war 1982 ein signiertes Weihnachtsgeschenk meiner Eltern. Es ist das einzige Buch, das sie mir als Erwachse- nerjemalspersönlichgekaufthaben.Alleanderen musste ich mit meinen Geschwistern teilen. Da- her ist dieses Buch für mich definitiv etwas Be- sonderes.
Straight Life: The Story Of Art Pepper (Schirmer Books 1979 - ISBN 00287 18208)
(Honest John, April 2025)
Schönheit war. Sein Ton war melodisch, seine Phrasierung oft einfühlsam und sanft. Die Töne sprudeln mit solcher Wärme und Gefühl aus sei- nem Altsaxophon, dass es beim Lesen von „Straight Life“ fast unmöglich ist, die erhabene Natur von Peppers Kunst mit den dunklen, selbstzerstöre- rischen Tendenzen zu vereinbaren, die seine Me- moiren durchziehen. Die Spannung zwischen dem Künstler und dem Menschen machte das Buch bei seiner Erstveröffentlichung so verblüffend, und auchheute,beimfünftenLesen,fälltesmirschwer, sie zu vereinbaren. Art Pepper war ein Mann vol- ler Widersprüche. Er hinterließ ein Leben voller wunderschöner Musik und ein Buch, das in seiner sexuellen Offenheit und emotionalen Brutalität so beißend ist, dass es auf dem heutigen Markt zu heiß wäre. „Straight Life“ geht nicht näher auf Peppers Entwicklung als Musiker ein. Es gibt ein paar Anekdoten über Aufnahmesessions und be- deutende Seiten über seine Zeit als junger Saxo- phonist mit verschiedenen Big Bands und mit Stan Kentons Orchester. Aber hauptsächlich handelt das Buch von der Psychose des Mannes, seinen Jahren als Heroinabhängiger und seinen verschie- denen Gefängnisaufenthalten.
Was also treibt diesen brillanten Saxophonisten dazu, sich selbst zu erniedrigen und seine glanz- volle Karriere konsequent zu untergraben? Obwohl er es nie direkt sagt, was ich schade finde. Es ist klar, dass Peppers Problem die Realität der Ras- senproblematik in Amerika in den 60ern bis in die 80er Jahre ist. Das Buch entstand mehr oder we- niger in einer Reihe von Interviews mit seiner Frau zu einer Zeit, als die Black-Power-Bewegung auf Hochtouren lief. Es gibt Stellen im Buch, an denen Pepper sich mit Aussagen rassistischer Kränkung brüstet, die manchmal wie Gejammer klingen, angesichts dessen, was heute allgemein als Rea- lität der „weißen Privilegien“ bezeichnet wird. Pepper wurde Musiker zu einer Zeit, als Rassen- trennung oder, anders gesagt, Apartheid in den Vereinigten Staaten noch weit verbreitet war. Sei- ne Beschreibungen, wie er seine weiße Herkunft nutzen musste, um bestimmte Rassentrennungs- gesetze zu umgehen – indem er für die schwarzen Musiker seiner Band Taxis heranwinkte, Essen




























































































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