Page 5 - pixelbook KW 18/2025
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na dann... 18/25
kinokritiken 5
Eine letzte Reise
(jonny) Alt werden ist
ein großes Privileg und zugleich eine der größten Herausforderungen des Lebens. Eine angemessene Vorbereitung darauf gibt es wohl nicht, zumindest geht es Filips Vater Lars so, der trotz weniger körper- licher Einschränkungen
im Ruhestand an Depres- sionen erkrankt. Von dem einst so lebensfrohen und unternehmungslustigen Mann scheint nur noch ei- ne Hülle übrig zu sein. Um die Lebensgeister seines Vaters wieder zu erwecken, beschließt Filip, die Famili- enurlaube seiner Kindheit wieder aufleben zu lassen. Zusammen mit seinem Freund und Co-Produzen- ten Frederik fährt er seinen Vater in einem Renault R4 an die Côte d'Azur. Zum Glück war die Kamera die ganze Zeit dabei, und so ist ein herzerwärmender, wunderbar nostalgischer Dokumentarfilm entstan- den, der sein Publikum ein wenig auf das Älterwerden mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten vorbereitet.
99' Schloßtheater
Toxic
(sirk) Auf nach Litauen! Fernab der wunderschö- nen Hauptstadt Vilnius ("Rom des Nordens") oder der Wanderdünen in der Kurischen Nehrung nimmt uns Saule Bliuvaite in ihrem Regiedebüt mit in eine vom Verfall geprägte, namenlose litauische Industriestadt. Basierend auf ihren eigenen Erleb- nissen geht es um den Wunsch, Model zu werden. Personifiziert durch die beiden unterschiedlichen Konkurrentinnen Kristina und Marija (die später beste Freundinnen wer- den) werden Probleme wie Geldbeschaffung, Kon- kurrenzdruck, gefährliche Diäten und erste Sex- und Drogenerfahrungen durchgespielt. Vorbilder wie Larry Clark, Harmony Korine oder Céline Sciam- ma sind in der Szenenge- staltung erkennbar, lassen dieses unterkühlte Co- ming-of-Age-Drama trotz der beiden überzeugenden Hauptdarstellerinnen aber weit hinter sich.
100' Cinema
Was Marielle weiß
(mex) Autsch. Da hat es heftig geklingelt. Aber viel schlimmer als der erste Schmerz sind die Spätfol- gen der schallenden Ohr- feige, die Marielle von ihrer Mitschülerin einstecken musste. Von nun an verfügt die 12jährige nämlich über telepathische Fähigkeiten, sprich, sie kann zu jedem Zeitpunkt miterleben was ihre Eltern denken, tun oder machen. Gar nicht mal so angenehm für alle Beteilig- ten, erfährt Marielle doch zum Beispiel auf diesem Wege von der Untreue ihrer Mutter (Julia Jentsch) oder den beruflichen Schwächen ihres Vaters (Felix Kramer). Die Karten werden neu gemischt, ab sofort können die alten Herrschaften weder sich noch ihrer Tochter etwas vormachen. Und bei den gemeinsa- men Bemühungen den Spuk möglichst bald zu beenden, wird schnell klar, dass das Kindeswohl nicht unbedingt an erster Stelle gedacht wird... Ein raffinier- tes Experiment von Frédéric Hambalek und ein hoch unterhaltsamer Denksport für Erwachsene.
88' Schloßtheater
Oslo-Stories: Liebe
(bouda) Marianne und Tor treffen sich zufällig auf einer Fähre. Beide arbeiten in einem Osloer Krankenhaus. An Bord entspinnt sich ein intimer Dia- log über ihre Wünsche an das eigene Sex- und Liebesleben, Doch als Tor erzählt, dass er seine Nächte oft auf der Fähre verbringt, um schnellen Sex zu haben, überlegt Marianne, ob diese Form der Freiheit, Nähe und Intimität ganz un- verbindlich auszuleben auch zu ihr passt? Mit den „Oslo Stories“ legt der norwegische Filmemacher Dag Johan Hau- gerud sein Meisterwerk vor, eine Filmtrilogie, wie es noch keine gab. LIEBE, TRÄUME und SEHNSUCHT sind drei jeweils eigenständige Filme mit neuen Figuren und einer unabhängigen Geschichte und es ist gleich, in welcher Reihenfolge man sich die- se Filme ansieht. Inhaltlich hängen sie nicht zusammen. Getrennt voneinander wer- fen sie jeweils einen neuen Blick auf die Dinge, die unser Leben bestimmen. Erzählen von Liebe, Sehnsucht und Träumen, hinterfragen Iden- tität, Gender und Sexualität, entwerfen mit faszinierenden Charakteren und starken Di- alogen und nahbar Utopien, wie wir auch zusammenleben könnten.
120' Cinema

