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Ohrenschmauch
Global Underground
Für Ohr+Intellekt
Fado-Piano und Stimme
Manchmal denke ich, dass ich das hier einfach schon zu lange mache. Ständig begegnet mir wieder irgend-
eine Vergangenheit. IDLEWILD’s bereits 10. Album in 30 Jahren enthält fast alle Elemente, die den Indie-Rock der 80er auszeichneten. Markige Songs, gut strukturiert, auffälligen Gesang, Druck und auch ruhigere Momente. Für Menschen, die deutlich jünger sind als ich ein guter Tipp.
Oder LAURA-MARY CARTER, ihr „Bye Bye Jackie“ klingt für mich gemischt aus den populärsten 60ies Sänge- rinnen (Dusty, Nancy..) und den Songs, die David Lynch mit Julee Cruise für Twin Peaks entwarf. Stimmig, gut produziert und Stimme mit hohem Wiedererkennungswert.
Es geht auch anders. PEKI MOMES, türkische Musikerin in Berlin, der Waschzettel zum Album ohne Titel sagt, ein eklektischer Mix aus dem Global Underground. Etwas detail- lierter müsste es heißen, sie mischt soulful Momente mit psychedeli- schen Klängen, fügt gelegentlich Sounds ihrer Tradition hinzu und stellt ihre Vokal-Arbeit nicht in den Vordergrund. Im Gegenteil, sie lässt die Grooves rollen, genießt funky Passagen mit japanischen Flöten im Hintergrund und erfreut mit Tönen aus dem Alt-Synthi. Eigenwillig und frisch, ‚turkish discodelic‘ (Zitat).
Ein schwieriger Fall ist die IRONIE+LIST. Nicht was das Hören angeht. Im großen grauen Feld zwischen Postrock, Ambient und Jazz bewegen sich die Herren (und Damen?) in recht freier Gestaltung der Klänge. Drums, Blasinstrumente, Elektronisches, es fügt sich zu einem fein gewebten Teppich aus nicht alltäglichen Klängen. Schwierig ist
für mich der philosophische Unterbau von „Parallel Monologisie- rung“. ‚Die verweigert sich der Illu- sion harmonischer Einheit und artikuliert stattdessen eine Ästhetik radikaler Autonomie‘ (Zitat). M/F kann es ja auch beim Hörgenuss belassen, der geht auch ohne Theorie. Und ist bei Weitem nicht so anstrengend wie der beiliegende Text.
Ganz und gar eindeutig klingt „O Fado“, eingespielt von LINA & MARCO MEZQUIDA. Nicht wie üblich mit Gitarren etc., sondern Stimme und Piano pur. Eine Eigenkomposi- tion, dazu 11 sehr gut ausgesuchte Titel aus Tradition und fremdem Schaffen. Im intensiven, fast intimen Zusammenspiel harmonieren die überzeugende Stimme Linas und die sensible Begleitung des Pianos perfekt. Durch und durch Fado, also Glück und Freude Fehlanzeige. Da hilft mir das Nichtverstehen der Inhalte, diese wundervolle Musik ohne Tränen zu genießen.
Und dann gibt’s da noch WILDES HOLZ. Die sind sich für nix zu schade. Auf deren jüngst erschienener „Block Party“ geht es wieder hoch her. In der Mega Besetzung mit Kontrabass, Gitarre und Blockflöte(n) ‚verholzen‘ sie schon seit Jahren alles was ihnen gefällt. Von Bizet bis Major Tom, von Leslie Gore’s ‚It’s my Party‘ bis ‚Stayin alive‘. Wenn die Blockflöte hier den Gesangspart simuliert, ist die Nähe zum Original nicht weit. Zugegeben, ist ‚Live‘ sicher noch amüsanter. Aber trocken von CD geht auch.
nadann... Tschüss i.m.trend@muenster.de
Ohrenschmauch
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