Page 5 - neue nadann KW 42
P. 5

Kinokritiken
3
   Reflection In A Dead Diamond
(mex) Ein alter Mann genießt den Ruhestand an der Côte d´Azur. Das grelle Licht im Schatten der luxu- riösen Hotelterrasse, der Blick aufs Meer, die glitzernden Wellen, dazu der wohl temperierte Aperitif... und die Faszination für eine junge Frau, die unbekannte Zimmernachbarin. Soweit die Gegenwart, aber John, so heißt der Alte, hat als Ex-Geheim- agent auch eine Vergangenheit. Und die kommt - je heißer die Sonne, die Drinks, die Nachbarin - alsbald zum Vorschein. Als die junge Frau scheinbar verschwindet, verliert sich John in einem dunklen Strudel aus alten Erinnerungen, quälenden Fantasien und unbeweisbaren Fakten... Ein krass-wilder und zugleich ultra-cooler Ritt des franzö- sischen Regie-Paares Cattet/Forzani, der seine Stärken eindeutig in seiner fantastisch schillernden Visualität und weniger in einer stringenten Handlung hat. Gut so, eine sehens- werte Hommage an den Agenten- thriller der 60er Jahre. 92' Cinema
Amrum
(sirk) "Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin" steht noch vor der ersten Szene auf der Leinwand geschrieben. Es geht um eine sehr persönliche Geschichte, basierend auf den Kind- heitserlebnissen des Akin-Mentors Hark Bohm auf der nordfriesischen Insel Amrum in den letzten Kriegs- tagen 1945. Im Zentrum steht der zwölfjährige Nanning, der für seine Familie sorgt, deren streng national- sozialistische Mutter direkt nach der Geburt des zweiten Kindes nach einer Radiomeldung über Hitlers Tod zusammenbricht. Der Coming-of- Age-Film aus der Sicht des Jungen beleuchtet die Härte des Insellebens, die NS-Ideologie in der Familie und die Frage nach Menschlichkeit in schweren Zeiten. Fatih Akin insze- niert Bohms persönliches Drama mit viel Feingefühl und Liebe zu den Figuren, er setzt auf authentische Darsteller, friesischen Dialekt und eindrucksvolle Naturaufnahmen der Insel. Ein Fatih Akin Film, der nicht nur seinen Mentor zufrieden aus dem Kino entlässt. 93' Schloßtheater
Momo
(sirk) Die erneute Leinwandadaption des Momo-Klassikers fünf Dekaden nach Veröffentlichung war ein mutiges Wagnis. Romanautor Michael Ende stemmte sich stets vehement gegen die Verfilmung seiner Geschichten und ließ sich 1986, dreizehn Jahre nach dem Erscheinen des Romans, überhaupt erst dazu überreden. Die erste filmi- sche Umsetzung fand dennoch ein breites Publikum (erfolgreichster Kinofilm des Jahres 1986). Die wich- tigste Frage aber: Passt eine Geschichte über Zeitverschwendung aus den 1970ern in das Jahr 2025? Bei Christian Ditter werden aus Zigarre-rauchenden Männern Mitar- beitende eines Hardware-Konzerns. Aus einem vermeintlichen TV-Star wird ein Influencer und die Zeitver- schwendung spiegelt ein Armband wider. Das ist alles sehr clever. Leider opfert die Neu-Interpretation die zentrale Thematik des "Sich-Zeit- nehmens" zugunsten aktueller Seh- Gewohnheiten. Diese Verfilmung nimmt sich schlichtweg nicht genug Zeit. 93' Cineplex



























































































   3   4   5   6   7