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PRESSEAUSWEIS
Liebe und Hass
Der Hass ist in Verruf gekommen. Heute wird er in einem Atemzug mit der Hetze genannt. Wer hasst, so meint man, kann nicht lieben, ist ein Feind der Gesellschaft, der Menschen und natürlich auch ein Feind „unserer Demo- kratie“.
Das war nicht immer so. Aus meiner Kindheit ist mir ein Lied in Erinnerung, das die Zeilen enthielt: „Wer die Rose ehrt, der ehrt heutzu- tage auch den Dorn. Wer die Liebe ehrt, der ehrt heutzutage auch den Hass.“ Hass ist hier ein Verteidigungsmittel, das die Liebe schützt, so, wie der Dorn die Rose schützt.
Ist es nicht so, dass beides, Liebe und Hass, große, überwältigende Gefühle sind? Wer liebt, so könnte man doch vermuten, ist wenigstens auch bereit, zu hassen, wenn das geliebte Wesen in Gefahr gerät. Man hasst die, die das zerstören wollen, was man liebt. So gesehen ist große Liebe gar nicht möglich, ohne dass man in der Lage ist zu hassen, oder umgekehrt, wer nicht zum Hassen fähig ist, kann auch nicht wirklich lieben.
Wer ein friedliches, fröhliches, konstrukti- ves Zusammenleben liebt, hasst der nicht den, der dieses Beisammensein zerstören will? Warum nicht Putin hassen, der die Ukraine mit einem tödlichen Krieg überzogen hat? Warum nicht die Terroristen hassen, die Men- schen ermorden, nur, weil ihnen deren Lebensweise nicht passt?
Es mag sein, dass es auch den grundlosen Hass gibt, einen Hass, der vielleicht aus Unzu- friedenheit mit dem eigenen Leben, aus der
Wut über das eigene Scheitern entsteht, den Hass als Mittel, anderen die Schuld daran zuzuschreiben, die man dann hassen kann. Und sicherlich lässt sich beobachten, dass so ein Hass mit Hetze einhergeht, weil man ver- sucht, die vermeintlich Schuldigen in ein schlechtes Licht zu rücken. Gegen diese Art Hass bleibt am Ende nur, die Welt so zu gestalten, dass jede und jeder die Chance zu einem gelingenden Leben bekommt.
Und es gibt auch den pauschalen, abstrak- ten Hass, der sich von denen, die Hass verdie- nen, ausdehnt auf die vielen, die mit jenen nur irgendwas gemeinsam haben, die Spra- che, die Herkunft, die Religion. Dann werden nicht nur Putin uns seine Clique, sondern alle Russen gehasst, nicht nur die islamistischen Terroristen, sondern alle Muslime. Dem Hass fällt es naturgemäß schwer, die richtige Gren- ze zu ziehen.
Wer aber in dieser Welt gar nicht hasst, der verliert auch den Mut, das zu verteidigen, was ihm lieb und teuer ist. Hass macht auch stark. Ob man je auf diesen gerechten Hass verzich- ten kann, ist heute ungewisser als man zu der Zeit, als das Lied „Wer die Rose ehrt“ entstand, gehofft hat.
Jörg Phil Friedrich jpf@nadann.de

