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KINOKRITIKEN
na dann... 02/26
   Bon Voyage - Bis hierher und noch weiter (jonny)MarielebtseiteinigerZeit in einem Pflegeheim, als sie die Diagnose erhält, dass ihr Krebs zu- rückgekehrt ist. Sie beschließt, das Ende ihres Lebens mithilfe von Ster- behilfe selbst in die Hand zu neh- men. Gemeinsam mit dem guther- zigen Pfleger Rudy plant sie eine Reise in die Schweiz. Begleitet wird sie dabei von ihrem Sohn Bruno, ei- nem sympathischen Taugenichts, und ihrer Enkelin Anna. Als Fortbe- wegungsmittel dient Maries altes Wohnmobil, das kurzerhand wieder flott gemacht wird. Doch wie soll Marie ihren Angehörigen das wahre Ziel der Reise beibringen? Eine Ko- mödie über Sterbehilfe zu inszenie- ren ist alles andere als einfach. Re- gisseurin Gaby Sikorski gelingt die- ser Balanceakt jedoch erstaunlich leicht, auch dank eines hervorra- genden Schauspielensembles. 98'
Der Fremde
(sirk) Weltliteratur, destilliert auf 2 StundenFilm:FrançoisOzonsAd- aption von Camus übersetzt die li- terarische Vorlage in kühle, ästheti- sierte Schwarz-Weiß-Bilder. Der Film folgt Meursaults Weg vom Tod der Mutter bis zum Mord, wandelt aber die radikale Ich-Perspektive des Romans in eine moralische Be- obachtung von außen um. Ozon be- tont die Sinnlichkeit von Licht und Körpern, doch Camus´ Originalzita- te wirken im atmosphärischen Bild- fluss oft deplatziert oder gar kit- schig. Ein postkolonialer Akzent gibt den algerischen Opfern zwar Namen und Stimme, bleibt in sei- ner Kritik jedoch vage. Mit dem Ein- satz von The Cures "Killing an Arab" im Abspann schlägt Ozon eine Brü- cke zur Gegenwart. Letztlich bleibt das Werk eine ästhetisch strenge Übung, die zwischen sklavischer Texttreue und der Suche nach einer eigenen filmischen Identität schwankt und die existenzielle Wucht des Originals teils einbüßt. 124'
Therapie für Wikinger
(jonny) Nach einem Raubüberfall mitTodesfolgemussAnker14Jahre ins Gefängnis. Zuvor beauftragt er seinen geistig beeinträchtigten Bru- der Manfred, das Diebesgut beim Elternhaus im Wald zu vergraben. Nach seiner Entlassung will Anker so schnell wie möglich an das Geld kommen, schnappt sich Manfred und fährt mit ihm zu dem verlasse- nen Haus. Welche emotionalen Spuren sein plötzliches Verschwin- den bei seinem kleinen Bruder hin- terlassen hat, interessiert Anker zu- nächst wenig und entsprechend zeigt sich Manfred alles andere als kooperativ. Ohne dessen Hilfe ver- bringt Anker viele Tage allein gra- bend im Wald, was düstere Kind- heitserinnerungen heraufbe- schwört. Regisseur Anders Thomas Jensen ist bekannt für seine maka- bren Tragikomödien, und auch „Therapie für Wikinger“ verdient dieses Prädikat. Der Film ist vieles zugleich: rührend, brutal, witzig und allein schon dank der unglaub- lichen Verwandlung von Mads Mik- kelsen absolut sehenswert. 117'



























































































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