Grüße von der Insel #8

(mex) Heute mache ich es mir leicht, ich will einfach mal Spaß haben. Klingt ein wenig nach verzweifeltem Lebensmotto, ist aber fast ernst gemeint. Spaß findet man überall, in den kleinen Dingen wie in den größeren kleinen Dingen. Ist schon richtig, früher war mehr Fun. Alles eingeschränkt heute, alles bescheidener an der Oberfläche. Nur immer schön aufmerksam bleiben, ... Moment mal! Stopp und nochmal von vorne. Es soll doch um Spaß gehen, also dann lieber weniger schwafeln und direkt zum Punkt. Ich fange noch einmal an. Und diesmal komme ich von einer anderen Seite.
Es sprang mir direkt ins Auge. Seite Zehn, strahlendes Rot-Orange auf Silber. Was ist das? Die Lektüre des zugehörigen Textes brachte schnelle Aufklärung: Suppe. In Nadann-Ausgabe 18/20 (jederzeit nachzulesen auf www.nadann.de) erzählte Kollege Omar Boudablij von Harira und garnierte die Geschichte mit einem herrlichen Bild von ihr. So schön. Das wollte ich auch haben. Schnell nach Dortmund fahren war in diesen Zeiten entschieden keine Option. Die Idee des Nachkochens war geboren. Und wer konnte denn ahnen, dass bereits eine Woche später, an selber Stelle, ein weiteres unwiderstehliches Foto um Aufmerksamkeit für die nächste marokkanische Leibspeise werben würde? In der Summe ergab sich nun bereits eine kleine Speisefolge, die eigentlich nur noch darauf wartete, in Kürze mit einem dritten Gang, vielleicht sogar mit einem Nachtisch, abgerundet zu werden.
Um es vorweg zu nehmen, inzwischen sind viele Tage vergangen und ich muss gestehen, dem guten Vorsatz, auf den Spuren meines Freundes Omar die Küche seines Heimatlandes im Selbstexperiment nachzuvollziehen, sind keine Taten gefolgt. Bis jetzt! Das mag daran liegen, dass ich wie alle anderen Leser*innen bis heute vergeblich auf den erhofften dritten Gang warte. Andererseits aber liegt es in Wahrheit wieder einmal am einem selbst. Man sieht, findet gut, will ausprobieren und... vergisst. Ich hab es mal mit einem Notizbuch versucht. Ein kleines Diktiergerät folgte später auch noch und brachte ebenso wenig die Lösung. Zwischendurch versuchte ich es mal mit dem Missverständnis, dass all das, was ich mir nicht merken kann, der Erinnerung nicht wert sei. Mir schwant längst, dass hier bei näherer Betrachtung ein übler Denkfehler vorliegt. Nicht weiter abschweifen und Schwamm drüber, in diesem Falle habe ich noch einmal Glück gehabt. Harira hatte Eindruck hinterlassen, meldete sich zurück und das sogar noch mit einem feinen Couscous-Salat im Gepäck.
Vorgestellt wird Harira als wesentliches Gericht zum abendlichen Fastenbrechen im Ramadan. Ich gebe zu, das war nicht der eigentliche, zum unbedingten Kochwunsch führende Auslöser. In Omars kurzer Vorstellung und auch auf dem farbenfrohen Foto auf Seite 10 erscheint Harira nicht nur als Königin des Ramadan, sondern auch als hell leuchtender Stern am globalen Suppenhimmel. Zusätzlich punktet sie mit ihrer Vielseitigkeit, besonders durch das grandioses Versprechen sogar als Frühstücksgericht zu funktionieren.
Also, Zutaten hab ich doch: Kirchererbsen, Linsen, Zwiebeln und Nudeln sind im Hause. Der Rest wird besorgt: Suppenfleisch, Bio. Gemüse und Kräuter, Markt. Ok, Koriander und Kurkuma fehlen noch, da geht es zum Öz-Gida–Supermarkt, ein kleines vitales Zentrum der Begegnung und Kommunikation, in heutigen Zeiten gar nicht hoch genug zu bewerten. Anschauliche Nachhilfe im lässigen Tragen des Mund- und Nasenschutzes gibt es obendrauf. Kennt ihr eigentlich die Nachbarschaft hier? Berlin-Schoeneberg, Hauptstraße, das ist die B1, also von Dortmund einfach Richtung Osten und dann immer geradeaus. Gegenüber vom Öz-Gida lebte einst David Bowie. Der „wahre Heino“, Blixa Bargeld und Nick Cave hingen hier in den einschlägigen Cafés aus, Iggy Pop und Eric Burdon bereicherten das Nachtleben. Um die Ecke, im „Felsenkeller“ in der Akazienstraße schrieb Jeffrey Eugenides sein „Middlesex“. Ist schon ganz schön was los gewesen hier. Rock ´n Roll und Punk waren gestern, was aber nicht heißen soll, dass früher alles besser war. Ich muss Euch demnächst mal ein wenig herumführen, es lohnt sich immer noch.

Rot ist immer gut

Aber erst kochen jetzt. Sicherheitshalber erwähne ich nochmal, dass am vorhergehenden Tag unbedingt schon mal die harten Kichererbsen eingeweicht werden müssen. Also gestern. Sag mal Omar, kann man eigentlich auch die aus der Dose nehmen? Ich hab´s nämlich vergessen, mit dem Erbsenwässern. Hör auf zu kichern. Ansonsten folge ich jetzt einfach mal den Zubereitungsschritten 1-6 und warte ab, was am Ende dabei raus kommt. Suppenfleisch ist angebraten und kocht, passt genau, die 2. Halbzeit (Bayern:Frankfurt) vor sich hin, Gemüse ist geschnippelt, ich öffne schon mal den katholischen Küchenwein und melde mich später wieder...

Immer schön nach Anleitung - Saft brav aufgefangen

...also riechen tut´s schon mal ganz gut. Alles im Griff, der Topf befindet sich in der finalen Köchelphase. Dann guck´ ich mal, was der Couscous Salat so macht. Interessant ist das filetieren der Orangen. Da bin ich jetzt wirklich nicht der Experte, warum also nicht einen Blick bei Google riskieren und die einfachste Methode übernehmen. Das sieht da in der Regel sehr appetitlich aus. Spitzenköche zeigen in Videos wie leicht das zu machen ist. Ist ja puppig, sagte man früher. Ich sage heute: Fake News. Eine Riesensauerei das Ganze. Um es mit Loriot zu sagen, es spritzt und schmiert der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur... Liegt das an der Orangensorte oder was ist das Problem? Nervenaufreibend und ein einziges Apfelsinenmassaker. Ein scharfes Messer hätte wahrscheinlich helfen können. Da das Auge ja mit isst, nehme ich mir schon mal vor, die Orangenfetzen später möglichst mit den Mandeln zu kaschieren.

Gewürzorchester

Dann geht alles ganz schnell. Das spektakuläre Gewürzorchester gemahlen, die Marinade finissiert, Gemüse und Kräuter hinzu und alles mit dem gequollenen Hartweizengrieß vermengt. Sogar die Orangen und Mandeln verstehen sich. Da kann nun nichts mehr anbrennen. Das Ergebniss: Ein Traum.

Alles richtig gemacht? Schmecken tut´s!

Und was macht Harira? Auch alles richtig. Kurz den Deckel gelüftet und in einer betörenden Wolke aus Safran, Zimt, Ingwer und Kurkuma wird klar, gleich wird es ein besonderes Essen geben. Ein letztes Mal abgeschmeckt und ab auf den Tisch. Ja, Zitronenspalten und Datteln liegen auch bereit. Schade nur, dass die böse Zweihaushaltsregel eine große Tafelrunde unterbindet. Aber, und das schreibe ich mir jetzt für geselligere Zeiten hinter die Ohren, das war sicherlich nicht das letzte Mal, dass ich die Königin des Ramadan zu Tisch bitten werde.
Heute großen Spaß gehabt aber halt..., wo und was sind die Chebakia?

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Manfred Wex
ist seit 35 Jahren bei der nadann… , Musiker (u. a. Walking Blues Prophets) und lebt in Berlin.
manfred.wex@nadann.de

Autor: Manni

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