Von Stefan Bergmann

Jede Krise ist auch eine Chance...

... heißt es im Unternehmersprech. Da mag etwas dran sein. Krisen legen Fehler offen, wirken oft wie ein Brennglas.

Beispiel Corona: Als plötzlich niemand mehr Kontakt zu anderen Menschen haben wollte, haben wir gemerkt, dass bargeldloser Zahlungsverkehr gar nicht so schlecht ist. Man muss nichts berühren, nicht lange nach Geld kramen, Karte oder Handy raus, ans Gerät halten und fertig. Andere europäische Länder machen das schon sehr viel länger und intensiver als Deutschland. Die Deutschen sträubten sich lange, liebten Ihr Bargeld aus irrationalen Gründen. Das änderte sich mit Corona. So wie ich in Frankreich mein Croissant für 1,20 Euro selbstverständlich bargeldlos bezahlen kann, geht das inzwischen auch in Deutschland. Das ist gut. Natürlich kostet es den Einzelhändler Gebühren (weshalb viele Kreditkarten ablehnen). Dabei vergessen sie aber, dass Geldzählen, Rollen, wegbringen, erneut zählen lassen bei der Bank auch Gebühren und vor allem viel Zeit bedeuten.

Doch: Denk ich an Münster in der Nacht, werd ich um den Schlaf gebracht.

Situation vor drei Wochen. Nachts zum Düsseldorfer Flughafen. Aber erst mit dem Nachtbus zum Hauptbahnhof. Als weitgehend bargeldfreier Mensch das erste Problem: Kein Automat an der Haltestelle, der Nachtbusfahrer nimmt nur Bares - oder die Stadtwerke-Karte. Die nicht jeder hat, schon gar nicht die Auswärtigen. Ein Terminal zum bargeldlosen Zahlen im Bus? Aber bitte nein, das wär doch mal zuviel Kundenservice. Dann der Rückweg. Morgens um 6 übermüdet wieder per Bahn angekommen. Mit dem Bus nach Hause. Es gibt Automaten. Der Bus naht. Jetzt schnell. Ticket wählen, bezahlen, Handy ans Kontaktfeld gehalten. Nichts geht. Aber ohne, dass der Automat sagt, warum es nicht geht. Dass er kein Mobile Pay mag, muss man erahnen. Oder halt Bargeld rauskramen, wie anno dunnemal. Also Portemonnaie raus, EC-Karte rausfummeln, vorhalten: Voilà, funktioniert.

Liebe Stadtwerke: Wäre es zu viel verlangt, Busse mit kontaktlosen Terminals auszustatten? Die anachronistischen Ticket-Automaten in unserer ach so modernen Großstadt Mobile-fähig zu machen? So wie es in Frankreich jeder hinterletzte Parkplatz-Automat im hinterletzten Dorf ist?

Viel wurde getan. Aber es bleibt auch viel zu tun. Die deutsche Technikfeindlichkeit. Sie nervt.

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