Von Stefan Bergmann

Wenn der jährliche Mietspiegel herauskommt...

... dann merkt man: Die Preise in Münster kennen nur einen Trend. Nach oben. Wo ist es laut aktuellem Mietspiegel in Münster am teuersten? St. Mauritz? Annette-Allee? Innenstadt?

Nein. Am Hansa-Platz. Also gleich am Bahnhof. Dort kostet der Quadratmeter einer 30-Quadratmeter Wohnung rund 24 Euro. Danach kommt lange nichts, und dann die direkte Innenstadt mit rund 18 Euro. Wie kann das sein? (Quelle: wohnungsboerse.net)

Umso erstaunlicher wird die Sache, wenn man den Mietspiegel der Stadt Münster aus dem vergangenen Jahr zu Rate zieht. Damals kostete der Quadratmeter dort „ nur“ 12,80 Euro. Erneut: Wie kann das sein, eine Steigerung um 100 Prozent innerhalb eines Jahres?

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu Klein-Muffi zu errichten. Oder doch?

Im Jahr 2022 wurde das Hansator fertig. Jenes Mauer-Gebilde hinter dem Hauptbahnhof. Ein großer Teil der Fläche wird vom Unternehmen Poha-House bewirtschaftet. Dessen Geschäftszweck: Kleine Wohnungen schnell vermieten an zahlungskräftige Kunden auf bestimmte Zeit. Und jetzt kommen wir dem Rätsel näher: Ein Blick auf die Angebotsseite von Poha offenbart Mietpreise in Höhe von rund 47 Euro pro Quadratmeter. Was man dafür kriegt? Ein 21 Quadratmeter stylisches Loft in bunten Farben, eine Miniküche, nette Gemeischaftsräume und das gute Gewissen, dass jeder Nachbar mindestens genauso viel zahlt. Man also in bester Gesellschaft ist. Zum Teufel mit den vergammelten Studenten oder anderen Normalos in Klein-Muffi und umzu.

Nennen wir es beim Namen: Gentrifizierung. Sie hatte im Hafen angefangen, fiel dort aber nicht so ins Gewicht, weil kaum Wohnfläche geschaffen wurde. Doch allein im Hansator gibt es 313 neue „All-inclusive-Studios“. Sollten sich die Experten der Wohnungsbörse nicht grundlegend verrechnet haben, haben die Studios die Durchschnittsmiete im Viertel binnen eines Jahres verdoppelt. Dass kann Effekte haben auf die anderen Wohnungen, denn Mietererhöhungen müssen sich im Rahmen des Mietspiegels bewegen. Am Hansaplatz sind gerade alle Barrieren nach oben gefallen.

Danke, liebe Politik.

Wenn das Hansator an sich wenigstens optisch eine Bereicherung fürs Viertel wäre. Nähert man sich ihm, fallen zwei dunkle Röhren auf, die Menschen einsaugen zwischen dunklen Decken, dunklen Fassaden und dunklem Boden. Lämpchen schummern in der Decke, ein „Flugdach“ schottet die Szenerie auch nach oben optisch ab. Das hatte im ersten Entwurf noch anders ausgesehen. Große Öffnungen sollten Licht ins Dunkle lassen. In den Himmel erstrecken sich drei Schuhkästen mit lustigen Fenster-Einfassungen, ein bisschen roter Backstein ist eine Reminiszenz ans Westfälische.

Eine optische Verbindung zwischen Innenstadt und Hansaviertel sollte das Hansator werden. Doch geworden ist es eine massive Mauer, die mehr trennt, als das sie verbindet. Großmannssüchtig wurde da etwas hingeklotzt - und man fragt sich: Wo war eigentlich der gesunde architektonische Menschenverstand im städtischen Gestaltungsbeirat? Was hat dieser schwarz-rote Trumm im Hansaviertel zu suchen? Da sind die weißen Leitstreifen für Sehbehinderte noch das spannendste gestalterische Element.

Bonjour tristesse! - Stefan Bergmann

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