Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

(sirk) Abschied ist ein scharfes Schwert. Diesen Satz, so wahr wie nebulös, intonierten bereits altehrwürdige Schlager-Barden. Aber so ist es wohl. Abschiede tun weh. Abschied nehmen bedeutet immer ein wenig sterben. Jede/r kennt das. Nicht nur wer vier, acht oder Gott-weiß-wieviel Wochen jeden Tag mit denselben Menschen verbringt, der wird das nachvollziehen können. In meinem Fall, Vollzeit-Unterricht, heißt das auch Vollzeit-Austausch. Jeden Tag dieselben Menschen. Jeden Tag dieselben Eigenarten. Auch meine. Am Ende einer Veranstaltung heißt es dann oft mit meinen Worten: „Das war´s. Vielen Dank. Alles Gute. Seht den Abschied stets als Chance des Wiedersehens an, man sieht sich immer zwei Mal im Leben.“ Rechner aus.
Ich persönlich mag keine Abschiede. Beim Abschied wird die Zuneigung zu den Dingen und Menschen, die uns lieb (geworden) sind, immer ein wenig wärmer. Und manchmal verleitet dieser Schlussakkord einen Menschen dazu, etwas zu sagen, was man sonst nie ausgesprochen hätte. So wie in - und nach diesem Kurs. Stephanie aus Berlin hat es gut gefallen. Sie lobt den kooperativen Austausch. Und die vielen Rückmeldungen. Michael erinnert sich gern an die vielen Tipps, Renate an die netten Gespräche und Mustafa fand es generell sehr harmonisch und gewinnbringend. Wohlklingende Worte, auch für den Dozenten.

Gespräche am Monitor

Aber natürlich gibt es manchmal auch die Teilnehmer*innen, denen es nicht gefallen hat. Meistens waren diese über die vier Wochen Vollzeit-Unterricht sehr still. Unmut kann auch leise formuliert sein. Der Dozent war zu schnell, zu wenig praxisorientiert, er war zu praxisorientiert, es gab ZU WENIGE Beispiele aus der Praxis, es gab ZU VIELE Beispiele aus der Praxis, der Stoff war zu schwer etc…. Die Rückmeldungen in den Bewertungsbögen am Ende sind meist sehr variantenreich. So unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich die Rückmeldungen. Das unterscheidet uns von den Lehrer* innen an den Schulen: In der Erwachsenenbildung gibt es ein Qualitätsmanagement.

Eine große Aufgabe des Lebens ist, dass wir lernen müssen, Abschied zu nehmen. Und diese Aufgabe ist und war immer wieder herausfordernd. Und schwierig. Das Gute ist aber, dass in jedem neuen Anfang auch ein Zauber wohnt. Das wusste bereits Hermann Hesse. „Wie jede Blüte welkt und jede Jugend, dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne, um sich in Tapferkeit und ohne Trauern in andre, neue Bindungen zu geben.“ In Tapferkeit und ohne Trauern in neue Bindungen zu geben. Danke, Hermann!

Neuanfang

Die Corona-Zeit hat uns Demut, Verzicht und Dankbarkeit gelehrt. In vielfacher Hinsicht Abschied nehmen auf vielen Ebenen. Aber im Gegenzug auch dankbar sein für die vielen Taten. Und vielleicht hat dieser Verzicht zu neuen Erkenntnissen geführt. Was brauchen wir? Wen brauchen wir? Ist es nicht erstaunlich, dass die Wirtschaft starke Einbußen verkraften muss, wenn wir wirklich nur das kaufen, was wir wirklich brauchen? Ich habe gemerkt, dass ich den Austausch brauche. Die Gespräche. Die Diskussionen. Den Zusammenhalt. Die Dankbarkeit. Corona hat all dies noch einmal unterstrichen. Zusammenhalt, Austausch. Daran werden wir uns erinnern. Und erinnern müssen. Zwar haben nun nach langen acht Wochen die Gastronomie-Betriebe wieder (mit Auflagen) geöffnet. Kinos und Theater werden folgen. Aber gefährliche Viren wird es weiterhin geben. Einschränkungen auch. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Und nach dem Kurs ist vor dem nächsten Kurs. Machen wie das Beste daraus! Weiter geht´s!

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Christian Gertz
ist 49 Jahre alt, er arbeitet seit 1996 bei der na dann … und ist Kommunikationsmanager
christian@nadann.de

Autor: Chrise

Archivtexte Weiterbildung aus dem Home-Office

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