Von Carsten Krystofiak

In dieser Woche vor 294 Jahren...

…wurde Anna ein freier Mensch.

Dass jeder Mensch frei ist und sich selbst gehört, galt vor 200 Jahren als völlig verrückte Idee. Kötter und Kleinbauern waren selbstverständlich Eigentum des Grundbesitzers. Ohne dessen Erlaubnis durften sie weder heiraten noch wegziehen. In die Unfreiheit wurde man hineingeboren, entscheidend war der Stand der Mutter.

Der Fürstbischof besaß nicht nur viel Land, sondern auch die Leute darauf…

Allerdings konnte man unter günstigen Umständen auch die Freilassung erwirken. In einem Freilassungsbrief heißt es: „Münster, 2. April 1728. Wir, Dechant der Cathedralkirchen zu Münster zeugen hiermit nach reiflichen Fürbedenken, Anna Dobbeler aus Billerbeck von allen Eigenthumsrecht entlassen zu haben, so dass sie künfftig alle Privilegien, welche der freyen Personen zu gute kommen, sich bedienen könne.

Durch den Siebenjährigen Krieg und Missernten geriet das System der Leibeigenschaft in die Krise. Die Bauern konnten ihre Zwangsabgaben nicht mehr aufbringen. Ökonomen sprachen sich darum für die Abschaffung aus. Man hatte in Experimenten nachgewiesen, dass freie Pächter viel motivierter und produktiver arbeiten.

Schließlich reagierte die Politik: In Preußen wurde die Leibeigenschaft stufenweise beseitigt und 1807 ganz abgeschafft. Die freien Pächter hießen nun „Meier“.

Leibeigenschaft gibt es aber bis heute. Sie heißt jetzt nur „Leiharbeit bei Amazon“…

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