Von Carsten Krystofiak

In dieser Woche vor 102 Jahren...

…brannte das Lager ab.

Vom Lager blieb nur der Straßenname „Alte Reitbahn“.

Im Kriegsgefangenenlager II auf der Reitbahn an der Hammer Straße lebten während des Ersten Weltkriegs genauso viele alliierte Soldaten wie Münsteraner, etwa 90.000. Da das Völkerrecht vorschrieb, dass Kriegsgefangene genauso zu verpflegen seien, wie aktive Soldaten, hatten die Gefangenen zeitweise mehr zu essen, als Münsters Bevölkerung.

Es gab auch ein Lager-Theater mit Kulissen und Kostümen. Die Frauenrollen wurden von femininen Franzosen übernommen. Nach dem Waffenstillstand mit Russland 1917 durften sich die russischen Gefangenen mit speziellen Ausweisen frei in der Stadt bewegen.

Nach Kriegsende wollten Briten und Franzosen schnell nach Hause – aber deren Regierungen wollten keine ungeordnete Rückkehr und forderten eine weitere Inhaftierung ihrer Soldaten bis zur Regelung aller Formalitäten.

Viele Russen dagegen wollten angesichts des kommunistischen Chaos in ihrer Heimat gar nicht erst zurück. Nachdem die Sowjetregierung auch kein Interesse an einer Rückholung zeigte, schickte man sie gegen ihren Willen in die Heimat. Dafür kamen nun neue Gäste, nämlich deutsche Soldaten des zurückflutenden Westheeres, die wegen starken Läusebefalls zunächst in Quarantäne mussten, bevor sie in ihre Wohnungen durften.

Ein Brand, noch ein weiterer Brand und ein Orkan machten das Lager zwei Jahre nach dem Krieg dem Erdboden gleich.

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