Von Carsten Krystofiak

In dieser Woche vor einem Jahr...

…starb Onkel Willy.

Klaus Reinhard wurde 77 Jahre alt. Das ist beachtlich bei seinem Knochenjob: Bei Wind und Wetter auf dem kalten Sandsteinsims links von der Rathaustür sitzen und als „Onkel Willy“ tagein, tagaus dieselben Beatles- und Bob Dylan-Songs klampfen.

Reinhard kommt aus einer Arztfamilie, stieg aus und trampte nach Indien, wie es Anfang der Siebziger angesagt war. Bei seiner Rückkehr stellte er fest, dass man aus der Gesellschaft zwar aus-, aber nicht einfach so wieder einsteigen kann.

Hier fehlt eindeutig was…

So kam er als Ein-Mann-Band zur Straßenmusik. Zuerst war die Salzstraße seine Bühne, dann die linke Rathaus-Fensterbank. Nach rund zwanzig Jahren war er als lebendes Inventar so etabliert, dass er vom Oberbürgermeister offiziell das Exklusivrecht für seinen Stammplatz erhielt. Durch die Bekanntheit wurde leider auch das Finanzamt auf ihn aufmerksam: Seine Einnahmen musste er versteuern.

Vor allem samstags zog er Trauben von Fans an, doch Gelenke und Lunge machten nicht mehr mit: 2015 trat er zum letzten Mal auf – vor mehr als fünfhundert applaudierenden Münsteranern. Dann zog er sich in seine zugige und klamme Gartenlaube zurück – nicht gerade ein Sanatorium. Als er starb, trug die Stadtfahne am Rathaus Trauerflor.

Archivtexte Zeitzeichen

Carsten Krystofiak Carsten Krystofiak

Weitere Beiträge 2022