Von Carsten Krystofiak, 03.10.2012

In dieser Woche vor 53 Jahren...

...wurden Linden aus dem Kranz gebrochen.

Kaum hatten die Münsteraner die Bombenschäden des Krieges weggeräumt und den Prinzipalmarkt wieder aufgebaut, ging platzte eine neue Bombe ins Stadtbild: Münster sollte am Servatiiplatz ein Hochhaus nach US-amerikanischem Vorbild bekommen!

Die Architektur wurde den entsetzten Münsteranern als Ausdruck der neuen Demokratie verkauft. Glas sei eben ein demokratischer Baustoff, weil er für Transparenz stehe, erklärten die Experten. Dabei war diese Zuordnung völlig willkürlich: Ebenso könnte man Glas wegen seiner spiegelnden Eigenschaft mit Täuschung oder mit Zerbrechlichkeit assoziieren.

Ein halbes Jahrhundert später hätte der Bau des Iduna-Hochhauses an Wutbürgern scheitern können.

Ein Professor der Uni Braunschweig, der schon für den außerordentlich hässlichen Wiederaufbau seiner Stadt mitverantwortlich war, drohte, es sei »keine kompromisslerische Anpassung an Münsters Stadtbild« zu erwarten!


Trotzdem wurden die geplanten 13 Geschosse »aus städtebaulichen Gründen« auf 11 reduziert.
Genau ein Jahr nach Baubeginn war Richtfest. Dabei sangen die Honoratioren das münstersche Volkslied »Schöne Stadt im Lindenkranz«, wie die Lokalpresse vermerkte, obwohl gerade etliche Linden dieses Kranzes für den Bau gefällt worden waren.

Heute hätte das Stuttgart-21-mäßige Proteste ausgelöst. Wenn damals schon der Juchtenkäfer bekannt gewesen wäre... wer weiß? Die Stadt verkaufte das Hochhaus an die Versicherung Iduna-Germania.

Ein halbes Jahrhundert später hätte der Bau des Iduna-Hochhauses
an Wutbürgern scheitern können.

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